Einstieg leicht gemacht – Teil 4: Die FAQ der historischen Darstellung

Vor einiger Zeit haben wir mit unserer Einsteigerreihe begonnen, in welcher wir Tipps für Interessierte an der historischen Darstellung geben (Die Kosten, Wo fange ich an?, Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens). Heute möchten wir diejenigen ansprechen, die sich schonmal mit dem Gedanken an eine historische Darstellung befasst haben, aber noch Zweifel ob der Umsetzbarkeit und dem Schwierigkeitsgrad haben.

Die am häufigsten gestellten Fragen an, bzw. Argumente gegen eine historische Darstellung werden hier aus unserer Sicht erläutert und wir möchten euch damit ermutigen, euch an dieses tolle Hobby heranzutrauen.

„Wir haben alle mal angefangen.“, ist ein häufig genanntes Argument, wenn es um den Einstieg in die historische Darstellung geht. Und ja genau, das stimmt. Wir haben fast alle dieselben Anfängerfehler gemacht, nur wenige Darsteller steigen direkt auf dem historischen Niveau ein. Unser eigener Werdegang war ähnlich, darüber lesen könnt ihr hier und hier.

Doch das muss nicht sein. Jeder kann es direkt von Anfang an „richtig“ (in dem Fall historisch) machen. Die Vorteile davon: Man spart jede Menge Geld und ärgert sich hinterher nicht über peinliche Outfits und verschwendetes Geld und Zeit.

Aber…

Eine historische Darstellung ist doch fürchterlich teuer?

Nein. Über die Kosten haben wir ja schon ausführlich berichtet. Eine historische Darstellung ist in keiner Weise teurer als eine Mittelaltermarkt-Fantasy-Darstellung. Was teuer ist: Eine Adelsdarstellung. Hier braucht man teure Stoffe und Materialien, die ihren Preis haben. Das liegt einerseits daran, dass Adelige sehr, sehr, sehr viel Geld hatten und sich dementsprechend teure Dinge leisten konnten. Und es liegt andererseits daran, dass solche Materialien und Gegenstände, die man für eine Adelsdarstellung benötigt auch heute nicht in der Massenproduktion hergestellt werden.

Ja, aber einen Bauern darzustellen ist ja langweilig und trist. Ich möchte außerdem kämpfen und Bauern durften ja keine Waffen tragen.

Es ist ein großer und weit verbreiteter Irrtum, dass man nur „Ritter“ oder „Bauer“ sein kann. Gerade ab dem Hochmittelalter bietet sich eine Vielzahl an Darstellungsmöglichkeiten beispielsweise aus dem städtischen Bürgertum, die eine nicht allzu teure und dennoch gewissermaßen „prunkvolle“ Darstellung ermöglichen. (Siehe unsere Darstellung 😉 ). Hier kann man vom einfachen Arbeiter bis hin zum Zunftmeister variieren, kann seine handwerklichen Fähigkeiten in die Darstellung einfliessen lassen und sich langsam „hocharbeiten“. Außerdem kann man auch hier eine „wehrhafte“ Darstellung aufbauen, zum Beispiel als Wehrbürger.

Ich habe von einem Freund eine Normannentunika geschenkt bekommen, aber eigentlich wollte ich eine Darstellung im Hochmittelalter machen. Soll ich vielleicht einfach sagen, dass die Tunika ein Erbstück ist?

NEIN! Ganz ehrlich: Wie viele Kleidungsstücke von Eurer Oma oder Eurem Ururopa tragt Ihr so? Wahrscheinlich keins, sehr persönliche Erbstücke, wie Eheringe oder Medaillons mal ausgenommen. Abgesehen davon, dass jemand in einer absoluten Ausnahmesituation ein modisch und/oder technisch veraltetes Kleidungs- oder anderes Ausrüstungsstück getragen haben könnte, verfälscht es das Bild extrem, wenn jeder zweite Gegenstände aus einer anderen Zeit benutzt, und als Ausrede dafür ein Erbstück anführt. 1. Ist es für den Besucher nicht ersichtlich, dass es ein Erbstück sein soll, das heißt sie müssten erst mit Euch darüber reden und 2. stört es einfach ein stimmiges Gesamtbild. Unser Tipp: Verkauft den unpassenden Gegenstand und kauft Euch dafür Material für einen passenden, oder tauscht mit einem anderen Darsteller, der etwas Passendes für Eure Zeit hat.

Und was ist mit Beutestücken von Schlachten oder Mitbringseln vom Kreuzzug?

Dasselbe in grün. Tragt ihr denn den Sari aus dem Indienurlaub oder den Kimono, den eure Tante euch von der letzten Japanreise mitgebracht hat? Exotische Kleidungsstücke die nicht zum eigenen Kulturkreis gehören werden in der Regel im Alltag nicht getragen, außer vielleicht auf einer Kostümparty. Deswegen sollte man das in der historischen Darstellung auch unterlassen.

Aber man weiß ja eh nicht wirklich wie es gewesen ist, es sei denn man war dabei.

Es ist ein häufiger Irrtum, dass wir dabei gewesen sein müssen, um zu wissen, wie bestimmte Dinge funktionieren. Auch wenn man es manchmal kaum glauben mag, aber gerade aus dem Hoch- und Spätmittelalter sind zahlreiche Quellen überliefert, die uns ein sehr lebendiges und aufschlussreiches Bild vermitteln. Natürlich gibt es hier und da Details, die wir (noch) nicht nachvollziehen können und es können auch Fehler, bzw. Missinterpretationen passieren. Aber im Großen und Ganzen bieten uns Geschichtsforschung und Archäologie genügend Möglichkeiten um eine Darstellung akkurat zu konstruieren. Noch Zweifel? Schaut doch mal in unserer Bibliothek vorbei, dort findet ihr zahlreiche Links zu Seiten, auf denen ihr Abbildungen von Malereien und Funden sehen könnt, die uns einen tiefergehenden Ausschnitt von der Mode und Sachkultur im Mittelalter vermitteln.

Aber beweist doch erstmal, dass es „hier Begriff einfügen“ nicht gab!

Man kann die Nichtexistenz von etwas nicht beweisen. Man wird niemals eine Quelle finden in der steht „Im 13. Jahrhundert gab es „hier Begriff einfügen“ noch nicht.“ Man kann aber Quellen auswerten und sich anschauen was es gab. Wenn man keine Quelle für einen bestimmten Gegenstand oder Kleidungsstück findet, dann heißt das zwar noch lange nicht, dass es das nicht gab, aber man kann trotzdem nicht beweisen, dass es das gab. Deswegen greift man einfach solange auf Dinge zurück, die man eben belegen kann.

Trotzdem! Nur ausgegraben und angezogen ist authentisch!

Authentisch bedeutet „echt, den Tatsachen entsprechend“, nicht zwingend „original“. Originale können auch authentisch sein, sie müssen aber in ihrer Form eben dem entsprechen, wie es zur gegeben Zeit war. Im 13. Jahrhundert war es üblich, Stoff zu kaufen oder selbst herzustellen und daraus Kleidung zu nähen. Der Stoff und die Kleidungstücke waren in der Regel neu, oder vielleicht vorher schonmal von einer anderen Person getragen. Die Stoffe waren aber nicht zwischen 500 und 1000 Jahren alt und haben jahrhundertelang in irgendwelchen Gräbern vor sich hin gemodert. Deswegen würde es das Bild verfälschen, Originale anzuziehen, da es so aussehen würde, als ob die Menschen damals in gammligen, schmutzigen Lumpen herumgelaufen wären. Ist ein Original aber so gut erhalten, dass es dem Ursprungszustand entspricht, könnte man es natürlich tatsächlich tragen. Dies ist für eine Mittelalterdarstellung aber so gut wie unmöglich, und wenn ein Original in einem dermaßen guten Zustand ist, gehört es in ein Museum. Doch Darsteller aus anderen Epochen, beispielsweise dem 20. Jahrhundert arbeiten häufiger mit Originalen. Für das Mittelalter sollte man aber dementsprechend lieber auf Rekonstruktionen zurückgreifen, da diese einfach eher so aussehen, wie die Kleider und Gegenstände damals ausgesehen haben.

Mein Kleid sieht viel zu neu und sauber aus. Wie kann ich es künstlich älter machen, damit es so aussieht wie die Sachen im Mittelalter?

Antwort: Gar nicht. Die Sachen im Mittelalter waren auch irgendwann mal neu. Das heißt, wenn sich jemand ein Möbelstück aus Fichtenholz gemacht hat, dann war das Holz genau so hell, wie es das heute ist. Das Ganze dann künstlich mit Beize, oder noch schlimmer, durch Anbrennen nachzudunkeln entspricht nicht dem, wie es damals gewesen ist. Das viele Dinge im Museum uns dunkel und dreckig erscheinen liegt einfach daran, dass die Sachen Jahrhunderte alt sind. Nach so ein paar Jahrhunderten in irgendwelchen Gräbern oder Abfallgruben verrosten bzw. vermodern die Sachen eben. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie im Mittelalter schon so ausgesehen haben. Deswegen auch bitte keine Unterkleider mit Kaffee braun färben, oder extra Löcher oder Flicken in bzw. auf Kleider machen. Wenn ihr Sachen eine Zeit lang tragt, nutzen sie sich von alleine ab und können dann selbstverständlich auch geflickt werden. Wenn sie aber neu sind, sollten sie auch so aussehen.

Aber auf „hier Name von Website einfügen“ habe ich gelesen, dass „hier Tatsache einfügen“ so war!

Denkt immer daran: Jeder kann eine Website eröffnen und Dinge darauf schreiben. Deswegen stimmen sie noch lange nicht (siehe Fake News). Prüft immer ganz genau, wer etwas schreibt, und wie oder womit Dinge begründet werden. Führt die Person oder Gruppe Quellen für ihre Behauptungen an? Beruft sie sich vielleicht auf wissenschaftliche Arbeiten oder Studien? Oder ist es eher nur ihre Meinung oder Wunschvorstellung? Das gilt übrigens auch für unsere Seite. 🙂

Aber die Situation auf Mittelaltermärkten ist ja eh total unrealistisch…

Ja das stimmt, Mittelaltermärkte sind in 99,99% aller Fälle vollkommen unhistorisch. Das heißt aber noch lange nicht, dass es keinen Sinn macht, sich dennoch an eine historische Darstellung zu machen. 1. Gibt es auch andere Veranstaltungen als Mittelaltermärkte, beispielsweise Belebungen oder Reenactment Veranstaltungen und 2. sollte man eine historische Darstellung machen, weil sie einem Spaß macht und sich nicht an irgendwelchen Mittelaltermärkten ausrichten.

Aber die waren doch nicht blöd damals…

Nein das waren sie nicht, ganz im Gegenteil sogar. Die Menschen im Mittelalter benutzten Techniken und Mittel, die wir heute gar nicht mehr kennen und viele von ihnen haben wunderbar funktioniert. Dennoch hatten sie manche Sachen nicht oder haben manche Sachen einfach anders gemacht, als wir es heute tun.

Aber „hier unmittelalterlichen Gegenstand einfügen“ war doch aus Holz und Holz gab es, also hätten sie es ja herstellen können.

Siehe „Aber beweist doch erstmal, dass es „hier Begriff einfügen“ nicht gab!“. Wenn man keinen Beweis hat, dass es etwas gab, kann man es eben nicht rekonstruieren, auch wenn es theoretisch möglich gewesen wäre.

Aber wenn sie es gehabt hätten, hätten sie genutzt!

Ja, wenn sie Autos gehabt hätten, hätten sie sie bestimmt genutzt. Sie hatten es aber nicht, deswegen haben sie es nicht genutzt.

Aber so richtig „a“ machen kann man es ja eh nicht. Schließlich webt Ihr ja auch nicht Eure Stoffe selbst oder fahrt mit dem Eselskarren zur Veranstaltung.

Hier müssen wir einmal zwei grundlegende Dinge unterscheiden, und zwar Dinge, die der Besucher (oder auch der andere Darsteller) sieht und Dinge, die nur ich selber weiß, bzw. erlebe. Mit dem Eselskarren anreisen gehört definitiv zur zweiten Kategorie, das heißt, es ist für andere während der Veranstaltung nicht ersichtlich, wie ich an den Veranstaltungsort gelangt bin und/oder worin ich meine Ausrüstung transportiert habe. Deswegen ist dies ein unerhebliches Detail, das nur was damit zu tun hat, ob ich selber das „Feeling“ gerne hätte oder nicht. Falls jemand einmal ausprobieren möchte, wie es ist drei Tage lang mit einem Eselkarren irgendwo hinzureisen, ist das sicher ein schöner Erfahrungswert, der den Horizont erweitern kann, es verändert oder verbessert aber nicht die Darstellung an sich. Dasselbe gilt zum Beispiel fürs abendliche Zähneputzen, dafür, dass jemand moderne Unterwäsche drunter trägt oder ein notwendiges Medikament einnimmt. All diese Dinge sind für andere nicht ersichtlich und geschehen nicht vor Publikum und sind deswegen unerheblich. Und übrigens: Die meisten Menschen im 13. Jahrhundert haben ihre Stoffe auch nicht selbst gewebt, sondern – so wie wir – gekauft. 🙂

Ich möchte einen Schotten aus dem 12. Jahrhundert darstellen. Wie kann ich begründen damit auf Mittelaltermärkte in Deutschland zu gehen?

Gar nicht, aber nicht, weil es nicht möglich gewesen wäre, dass im 12. Jahrhundert ein Schotte in Deutschland war, sondern weil es einfach nicht nötig ist. 1. Sehen Besucher nicht, welche Nationalität man darstellt und 2. selbst wenn sie es tun würden, sehen sie keine fiktive Lebensgeschichte. Davon abgesehen ist es bei fast allen Mittelaltermärkten sowieso egal, mit was für einer Darstellung ihr dort hingeht, denn diese Märkte verfolgen keinen historischen Anspruch. Strebt ihr es aber an, eine Veranstaltung mit einem gewissen zeitlichen und räumlichen Rahmen zu besuchen, solltet ihr euch unbedingt an diese Vorgaben halten. Also bitte nicht im 12. Jahrhundert Schottland Dress auf einer 15. Jahrhundert Deutschland Veranstaltung auftauchen. 🙂

Brauche ich dann überhaupt noch eine Lebensgeschichte…?

Nein, die braucht man nicht. Wer es gerne möchte, kann sich natürlich eine überlegen, für eine historische Darstellung ist es aber nicht nötig. Es ist eher wichtig, dass ihr über die sozialen und ökonomischen Hintergründe eurer Darstellung Bescheid wisst. Strebt ihr zum Beispiel die Darstellung eines Handwerkers an, ist es wichtig zu wissen, welche technischen Hilfsmittel verfügbar waren, ob dieses Handwerk in einer Zunft vertreten wurde, ob es zu dieser Zeit überhaupt in eurer Region ausgeübt wurde, wie das durchschnittliche Einkommen eines solchen Handwerkers war und so weiter und so weiter. Aus diesen Informationen kann man sich natürlich eine Lebensgeschichte basteln, wenn man es möchte. Doch diese bleibt für Besucher und andere Darsteller meist sowieso unsichtbar.

Aber wie, wo, was…

Lasst euch Zeit mit allem. Denkt darüber nach was ihr darstellen wollt, was eure Stärken sind und wie ihr sie in das Hobby einfliessen lassen könnt. Denkt darüber nach wie viel Geld ihr zur Verfügung habt und welche Darstellung sich damit realisieren lassen könnte. Denkt auch darüber nach, ob die historische Darstellung überhaupt das richtige für euch ist. Es ist ein wirklich tolles Hobby, aber es ist nichts, dass man mal eben nebenbei machen kann. Es erfordert Zeit und Willen und vor allem Geduld. Aber es ist einfach das beste Hobby der Welt. 🙂

Aber denkt auch daran, dass Ihr Hilfe bekommt, wenn Ihr nur nett fragt. Wir und viele, viele andere Gruppen und Personen helfen Einsteigern gerne mit Rat und Tat weiter.

Ach, das werde ich eh niemals schaffen….

DOCH! Doch, doch doch! Jeder kann es schaffen! Als wir 2015 mit dem Hobby angefangen haben hätten wir uns nie träumen lassen können, dass wir jemals auch nur annähernd auf den Stand kommen könnten auf dem wir jetzt sind. Aber das geht! Wir sind ganz normale Menschen, wir kochen auch nur mit Wasser und wir mussten uns auch alles erst erarbeiten. Denkt immer dran, keiner der historischen Darsteller ist mit dem Wissen geboren, und wenn die das können, könnt Ihr es auch. Nur Mut, ihr schafft das! Und wir freuen uns auf Eure Erfolgsberichte. 🙂

Bildnachweis: Book of Hours/ Livre d’heures/ Stundenbuch – Utrecht, Master of Catherine of Cleves, Lieven van Lathem, ca. 1460

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s