#gettoknowus – Die A-Päpste und ich

Wie kamen wir zur historischen Darstellung? Warum Mittelalter? Was interessiert uns? Was wollen wir mit unserem Hobby erreichen? In dieser Reihe sprechen wir über unsere Leidenschaft für die historische Darstellung und unsere persönlichen Ansichten dazu.

Wir erzählen ja öfters, dass wir selber noch Anfänger in der Living History Szene und noch gar nicht so lange dabei sind, bzw. noch nicht so viel Erfahrung als historische Darsteller sammeln konnten. Das stimmt auch, doch als wir vor knapp einem Jahr den Entschluss gefasst haben, es „richtig“ zu machen, waren wir lange keine blutigen Anfänger in der „Mittelalter“-Szene mehr.

Denn ja, auch wir sind den typischen Weg gegangen, der vermutlich ca. 98% der historischen Darsteller bekannt ist – wir haben unsere ersten Erfahrungen auf Mittelaltermärkten gesammelt, die mit Geschichte nicht viel zu tun haben.

Deswegen wollen wir Euch in dieser Reihe vermitteln, wie wir zur historischen Darstellung gefunden haben, welchen Problemen wir dabei begegnet sind und wie wir letztendlich den Weg zu unserem liebsten Hobby gefunden haben.

Die A-Päpste und ich

Alles begann im Jahr 2014. Ich war schon seit einige Zeit in der Marktmittelalter-Szene aktiv und gehörte langsam nicht mehr zu den blutigen „Mittelalter-Anfängern“. Nach einer recht inaktiven Zeitspanne von einigen Monaten hatte ich irgendwie wieder Elan gefasst und wollte zusammen mit den anderen Gruppenmitgliedern meiner damaligen Gruppe mit viel Spaß ein tolles Lager aufbauen. Damals kam dann zum ersten Mal der Gedanke, alles so historisch wie nur möglich zu machen, denn irgendwie hat uns die Geschichte ja schon interessiert. (Anmerkung: Ich wollten wirklich nie Fantasy oder Larp machen.) Natürlich mit viel Spaß und ohne ein blöder „A-Papst“ zu sein, der immer nur meckert. (Unter einem „A-Papst“ konnte ich mir damals eigentlich nichts vorstellen, denn ich war noch nie einem begegnet. Meine ganze Meinung darüber basierte allein auf Hörensagen und Erzählungen von Anderen.)

Ich habe damals viele Dokus geguckt und vermeintliche „Mittelalterbücher“ gelesen und dachte, dass ich mir schon richtig viel Wissen angeeignet hatte. Von Originalquellen hatte ich zwar schonmal gehört, war aber der Meinung „dass man das ja eh alles gar nicht wissen kann“ und dass, „nur weil man etwas nicht gefunden hat es ja nicht heißt, dass es das nicht gegeben hat“. Deswegen habe ich mir zwar Wissen über das Mittelalter anggeignet, aber nichts hinterfragt und mich auch ziemlich oberflächlich und allgemein informiert.

Erste unglückliche Versuche

Und so habe ich irgendwann Anfang 2014 rausgefunden, dass man im Mittelalter eine Kopfbedeckung trug und das irgendwie in unserer Gruppe eingeführt. Nach anfänglichem Widerstand, hatten wir uns dann doch bald daran gewöhnt, uns ein Baumwolltüchlein an eine selbstgenähte Polyesterschapel (mit Pappe gefüllt) zu stecken – aber ein paar Haare sollten schon noch rausgucken. Und außerdem hatte einer aus der Gruppe eine Bruche mit Beinlingen, das war ja schon so „richtig a“. Darstellungszeit 12.-13. Jahrhundert, passt schon, dann ist für jeden was dabei.

Dazu haben wir dann Süßkartoffeln (Kartoffeln gab’s ja noch nicht!) zu unserem Grillfleisch gemacht und einmal gab es sogar einen Kohleintopf. Ich dachten wir sind schon richtig gut – aber Ahnung hatte ich einfach nicht. Es sollte ja auch alles Spaß machen, und man musste es ja auch nicht übertreiben. Wer hat schon Zeit, seine Sachen mit der Hand zu nähen? Das hält ja auch nicht. Und außerdem weiß man ja eh nicht so richtig wie es gewesen ist. Und keiner guckt sich ja die Kleider von Innen an, dann sieht man doch eh nicht, ob es  mit der Hand genäht ist.

Der erste „A-Papst“

Doch dann kam der Tag, der alles veränderte.

Ich war auf einer Multiperiod-Veranstaltung, die kurioserweise Fantasy (z.B. Jack Sparrow Piraten) und historische Darstellung (u.a. WW2 Reenactment) vereint. Es gibt dort eine kunterbunte Mischung aus historischem Anspruch und Epochen und ich fand alles richtig toll. So richtig konnte ich damals noch nicht einordnen, welche Gruppen einen historischen Anspruch hatten und welche nicht. Ich selber habe mich damals jedenfalls zu den historischen Darstellern gezählt. Eine Gruppe hatte es mir mit ihrer Darstellung besonders angetan, stimmte bei ihnen doch jedes Detail von den Klamotten, über die Ausrüstung, über das historische Hintergrundwissen, dass sie vermittelten.

Ich war mächtig beeindruckt und bin dann mit einer Darstellerin dieser Gruppe ins Gespräch gekommen. Nachdem sie mir einiges über ihre Zeit und ihren Anspruch erzählt hatte, erwähnte sie, dass sie früher auch einmal „Mittelalter-Reenactment“ gemacht hatte. Da war ich gleich noch beeindruckter; jemanden der gleich zwei so aufwändige Darstellungen machte musste doch unfassbar viel wissen. Schließlich fragte sie mich sehr nett, warum wir es denn nicht auch so machen, wenn wir uns doch für Geschichte interessierten.

Da stand ich nun in meinen Baumwoll-Leinen Sachen und wusste nicht so recht was ich sagen sollte. Denn eigentlich hatte sie ja Recht. ‚Naja‘, habe ich mir eingeredet. ‚Aber man muss es ja nicht übertreiben. So falsch ist das doch sicher alles gar nicht.‘

Erst viel später ist mir aufgefallen, dass das meine erste Begegnung mit einer „A-Päpstin“ war. Eigentlich war sie total nett gewesen, wir hatten sogar Kontaktdaten ausgetauscht und wollten in Kontakt bleiben. Sie hatte mir sogar Hilfe angeboten, bzw. wollte mich an Leute vermitteln, die immer noch aktiv im „Mittelalter-Reenactment“ waren.

Zwei Schritte vorwärts, einer zurück

Der Funke war übergesprungen. Die nächsten Wochen verbrachte ich damit, im  Forum „Tempus Vivit“ zu lesen und bin zum ersten Mal mit einer „A-Diskussion“ in Berührung gekommen.

Ich tat mir wirklich schwer damit, das alles anzunehmen, fand es übertrieben, kleinlich, verbohrt… Wir kennen es vermutlich alle. Und doch – irgendwo hatten sie ja recht. Und eigentlich wurde sich auch immer viel Mühe gegeben, auf die Fragen zu antworten. Nur vielleicht waren es einfach nicht die Antworten, die man hören wollte.

„Ist ja auch ein bisschen übertrieben“, dachte ich mir und machte trotzdem weiter Sachen falsch, von denen ich wusste, dass sie falsch waren. Trotz der Warnung in diversen Foreneinträgen, dachte ich, dass zwei Jahrhunderte Darstellungszeit es schon tun werden. Dass man trotzdem Leinen als Oberbekleidung verwenden kann. Dass eh keiner den Unterschied zwischen Brettchen- und Polyborte sehen wird.

Wahrscheinlich war ich zu sehr an die Marktmittelalterszene gewöhnt, an die Aussagen, dass „A-Päpste“ alle blöd und gemein sind und keinen Spaß haben und dass man es ja „eh nicht zu 100% richtig machen kann“ („Die reisen ja auch nicht mit dem Eselskarren an!“).

Aber ich kam von dem Gedanken dennoch nicht mehr los. Auf einmal sind mir Leute negativ aufgefallen, die ihre Folienkartoffeln auf dem Grill liegen hatten, die mit Trinkhörnern umherliefen, die im Schottenkilt und Piratenhemd von Braveheart erzählten, denn ich wusste ja: Das gab es so nicht. Warum eigentlich bewusst etwas falsch machen?

Ein Augenöffner

Ende 2014 entdeckte ich dann die Seite von Tempora-Nostra und zum ersten Mal verstand ich, dass es tatsächlich Darsteller gibt, die richtig viel über die Zeit wissen und das Wissen auch praktisch anwenden. Für alle „Behauptungen“, die die Gruppe auf Ihrer Seite aufstellte, gab es Belege. Durch die zahlreichen Bilder verstand ich zum ersten Mal, dass es tatsächlich einen großen Unterschied  zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert gibt. Und ich fand eine Anleitung, wie man ein Kleid für das 13. Jahrhundert macht.

Dadurch wurde ich dann auch auf Seiten von anderen Darstellern aufmerksam und sah, dass manche sogar in einem Museum in richtigen Häusern wohnen – Museumsbelebung, ein neuer Begriff für mich – und dort in richtigen Betten schlafen und auf einem richtigen Herd kochen. Das fand ich toll, sowas wollte ich auch!

„Aber das schaffe ich bestimmt nie.“, dachte ich. „So gut, werde ich nie werden!“

Trotzdem nähte ich dann Anfang 2015 mein erstes Kleid nach Anleitung von Gabriele Klostermann – mit der Hand (allerdings mit Polyestergarn). Dennoch es war aus richtigem Wollkörper (also kein Walkloden) und der Indigofärbung nachempfunden (Naturtuche natürlich). Dazu gab’s dann einen maschinengenähten Schleier ohne Schapel, dafür mit billigen Gebendenadeln und ein Unterkleid aus chemisch gefärbtem Leinen. Nicht grade eine gelungene historische Rekonstruktion, aber immerhin hatte ich zum ersten Mal so richtig versucht, etwas historisch korrekt zu machen.

Es nimmt an Fahrt auf

Und von da an war ich dann angefixt. Den ganzen Sommer 2015 recherchierte ich, manchmal war das sehr schmerzhaft und ich habe rausfinden müssen, dass lieb gewonnene Kleidungstücke absolut nicht zu gebrauchen sind. Und manchmal konnte ich gar nicht glauben, dass das was ich da gelesen hatte stimmt, denn schließlich wurde es mir immer anders erzählt.

Doch im Herbst 2015 war es dann endlich so weit – ich hatte die ersten Kleider produziert, von denen ich wirklich sagen konnten: „So in etwa muss es gewesen sein.“

Pflanzengefärbter Wollkörper, von Hand genäht mit Woll- oder Leinengarn, rekonstruiert aufgrund von historischen Vorbildern und Abbildungen. Kleine Baustellen gab es hier und da noch, aber die konnte man kaschieren: Der Baumwollschleier hat mich noch bis 2016 begleitet.

Von da an werkelte ich wie verrückt. Allein dieses Jahr habe ich für mich und Jens sieben bis acht Kleidungsstücke gefertigt, Strümpfe, Schleier, Unterwäsche genäht, Wendeschuhe anfertigen lassen, Keramik gekauft, historische Kochbücher angeschafft und so weiter.

Und auf unser Recherchearbeit 2015 folgte auch, dass ich mich für eine richtige „Darstellung“ entschieden hatte und nicht mehr nur – der Klassiker eben – „Adelige“ sein wollte. Recherche übers Handwerk, Werkzeuge, Techniken und so weiter kamen hinzu – eine Bürgerin aus dem Mittelstand sollte es erstmal werden.

Der Spaß an der Sache

Und dann näherte sich im Frühjahr 2016 endlich die Veranstaltung, auf der ich zwei Jahre zuvor die ersten Denkanstöße erhalten hatte – und es war einfach umwerfend gut!

Auf einmal haben Leute erkannt, welche Zeit ich darstellte („Hey, ihr seid doch 13. Jahrhundert, oder?“), ich beherrschte ein Handwerk, das ich zeigen konnte. Ich habe nicht nur die ganze Zeit rumgesessen und sogar zum ersten Mal in einer Grape gekocht. Plötzlich haben Besucher Fragen gestellt und man konnte richtig zeigen und erklären. Ich hatte einfach Spaß.

Erst dann ging mir so richtig auf, dass ich das schon lange vorher hätte haben können. Dass ich mir selbst im Weg stand, mich selbst belogen und mit Ausreden abgespeist hatte. So schwer war das eigentlich gar nicht gewesen. Hatte mich die Recherche gelangweilt? Nein. Habe ich mehr Geld ausgegeben als vorher? Nein. Hat mir irgendwer den Spaß verdorben? Im Gegenteil.

Und auch wenn ich immer noch nicht ganz zufrieden mit meiner jetzigen Darstellung bin, habe ich gemerkt, dass ich es schaffen kann! Ich habe immer noch das ein oder andere Ausrüstungsteil, dass nicht meinen Ansprüchen entspricht, es gibt viele Sachen, die ich noch beim Kochen, beim Handwerken verfeinern möchte und oft genug sind auch noch Unsicherheiten bezüglich meiner Darstellung da. Aber wenn ich dann darauf zurückblicke, was ich in einem Jahr geschafft haben, dann sehen ich mittlerweile, was ich im nächsten Jahr, in zwei, in drei Jahren schaffen könnte. Und dann denken ich: Ja, ich kann dahin kommen, wo ich hin möchte.

Und übrigens: Nächstes Jahr machen wir unsere erste Museumsbelebung. 🙂

– Laura

Bildnachweis: Papst Sylvester & Kaiser Konstantin auf einem Fresko aus dem 13. Jahrhundert, Santi Quattro Coronate in Rom

4 Gedanken zu “#gettoknowus – Die A-Päpste und ich

  1. Jan schreibt:

    Sehr inspirierender Artikel!
    Ich „schleiche“ hin und wieder über die Gruppen-Seiten und Foren und lese mit. Leider habe ich beruflich null Zeit mich so intensiv einem Hobby zu widmen – umso schöner ist es dann solche Stories zu lesen. Man kann sich ja auch an anderen erfreuen. 🙂

    Gefällt 1 Person

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