Das Gelbe vom Ei – Von der Verwendung gelber Farbstoffe im Mittelalter

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Wie man im Mittelalter gelb färbte

Gelb – wohl eine der umstrittensten Farben im Mittelalter. Die einen sagen, es war die Farbe der Prostituierten, man konnte nur blassgelb färben und es war außerdem eine billige Farbe. Die anderen sagen, Gelb war die Farbe der Herzoginnen, war leuchtend, fast Orange und konnte nur mit Safran zu exorbitanten Preisen gefärbt werden.

Wir wollen Schluss machen mit dem Hörensagen und euch knallharte Fakten servieren. Deswegen haben wir heute – in Kooperation mit Vanessa von Es war einmal – einen Blogpost über Reseda, die wohl am häufigsten verwendete Färbepflanze für gelbe Stoffe im Mittelalter für euch.

Alle die sich für historische Stoffe bzw. historische Kostüme interessieren oder den Handel damit oder dessen Herstellung, werden über kurz oder lang auch auf das Thema Pflanzenfärbungen stoßen.

Auch in Europa bildeten sich mit der Zeit aus einer Vielzahl an Färbepflanzen die wichtigsten heraus, die dann im großen Stil kultiviert wurden. Das Färberhandwerk, das sich im Laufe des Hochmittelalters entwickelt hatte, musste nämlich berufsmäßig und gewinnbringend arbeiten; es brauchte dazu nur wenige Pflanzen(-Gattungen), von denen aber sicher sein musste, dass sie in genügender Menge zur Verfügung standen und qualitative Ergebnisse lieferten.

Die wichtigsten, die im Folgenden noch ausführlicher besprochen werden sollen, waren der offenbar schon in der Steinzeit benutze Waid (Isatis tinctoria L.) und Indigo (Indigofera tinctoria L.) für Blau, der ebenfalls aus der Steinzeit bekannte Wau (Reseda luteola L.) sowie Saflor (Carthamus  tinctorius L.) Safran (Crocus sativus L.) für gelbe bis orangerote Töne und Krapp (Rubia tinctorium L.) für Rot. (Vgl. Weiße Westen – Rote Roben)

Heute wollen wir uns aber ganz dem Thema „Gelb“ und im Besonderen Reseda widmen.

Kurze Eckdaten zu Reseda luteola:

  • 2 Jährige Pflanze von 50 – 150 cm Höhe
  • Winterhart
  • Natürliches Verbreitungsareal erstreckt sich von den Laubgebieten Westeuropas und den Kanarischen Inseln über das Mittelmeergebiet und Nordafrika bis Afghanistan.
  • Rohbodenpionier auf warmen, trockenen, kalkhaltigen, nährstoffreichen Böden
  • Blütezeit (je nach Lage) März bis Oktober
  • Farbstoff ist Luteolin → besonders licht- und waschecht

Geschichte

Wau gehörte bereits zu den in der Jungsteinzeit benutzen Farben, wie wir aus schweizerischen Fundstellen schließen können ( Ciba 1946/66 S. 2437). Von den Römern wurde er in der römischen Kaiserzeit zum Färben von Stoffen verwendet. Besonders im 15. und 16. Jahrhundert wurde Wau in Mitteleuropa vielerorts zur Tuchfärberei angebaut, und in Aalst war sogar ein Waumarkt ( J. Hiemeleers 1978 S.209).

Genutzte Quellen

Dem Thema Farben kann man sich im Kontext der Historie über drei Wege (Quellentypen) annähern.

Abbildungen, Kleiderordnungen/Testamente/Schriftstücke insgesamt und Funde bzw. Gewebeproben von Funden.

Die einzelnen zu betrachtenden Quellen sind für sich betrachtet mit Vorsicht zu genießen, wenn es an die Interpretation geht.

Beklagen einzelne Gedichte des Hochmittelalters, dass sich Bauern in rote, grüne und braune Kleider aus kostbaren Genter-Tuch kleiden, so wird damit sicher keine reale Zeitsituation skizziert, wonach die Landbevölkerung ihre dunkle, graue zugunsten farbiger Kleidung abgelegt hat. Die Absicht solcher Gedichte geht eher dahin, selbst vereinzelte Versuche der unteren Schichten, sich der farbigen Kleidung zuzuwenden, als Anmaßung und Auflehnung gegen die festgelegte Weltordnung zu rügen. Auch im 14. Jahrhundert gelten Farben als wichtiges Kennzeichen sozialer Gliederung. Volle Farbtöne gelten als schön, während graue oder gebrochene Töne als unschön betrachtet werden.

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts allerdings, hat die bäuerliche Bevölkerung bereits die Farben des Adels für sich erobert. → Damit büßt die Farbe ihre prägende Kraft als Kennzeichen des Adels ein.

Farben waren also keinen Ständen oder Berufsgruppen vorbehalten. Mehr dazu haben wir bereits in unserem oben verlinkten Blogpost geschrieben. Ebenso können wir euch das Buch: Weiße Westen, Rote Roben von Heide Nixdorff und Heidi Müller empfehlen.

Weiterhin müssen wir die Frage klären, inwiefern gefärbte Tuche eine Rolle in der mittelalterlichen Wirtschaft spielten.

Ohne Seide oder Wolle (später dann auch Baumwolle) würde auch das Färben uninteressant sein, denn diese Tuche lassen sich besonders gut färben.  Hierzu möchten wir euch dringend das Buch von Jean Gimpel ans Herz legen. Um euch einen ersten Eindruck zu verschaffen, hier ein paar nackte Zahlen –  die jährlichen Exporte an Rohwolle und Tuchballen sprechen eine deutliche Sprache:

  • Anfang des 14. Jahrhunderts verließen jährlich 35.000 Wollballen England, am Ende des Jahrhundert nur noch 19.000 und Mitte des 15ten nur noch 8.000.
  • Parallel zu dieser Entwicklung veränderte sich der Import an Tuchballen (1347/48) von ca. 4.000 Stück, in den Jahren nach 1360 auf 16.000 Stück und am Ende des 15. Jahrhundert auf 54.000 Ballen.

Im Vergleich:

1338 wurden in Florenz 80.000 Tuchballen hergestellt, der Import betrug nur noch 10.000 Ballen.

Diese Zahlen wirken um so beeindruckender, wenn man sich die Hungersnöte um 1318 bzw. die Überschwemmungen um 1315-1316 vor Augen hält. Die wenige Jahre darauf folgende Pest wirft ja ebenso kräftige Schatten auf die damalige Industrie.

Falls ihr euch insgesamt für das Thema industrielle Revolution des Mittelalters interessiert, würde ich euch wirklich das oben genannte Buch ans Herz legen. Es hat definitiv meinen Horizont bzgl. der Wirtschaft im HoMi und SpäMi sehr erweitert.

A pro po industrielle Revolution:

Die Entwicklung des Färbehandwerks

Die textilen Arbeitsbereiche Spinnerei, Weberei und Walkerei wurden im ausgehenden Hoch-/beginnenden Spätmittelalter durch die Entwicklung von Maschinen und technischen Hilfsmitteln von grundlegenden Veränderung betroffen;

Handspindel → Spinnrad, Vertikalwebstuhl → Horizontalwebstuhl,  Walkerei durch Welle bzw. Walkmühle: vereinfacht/schneller/effektiver).

Alle die gerade kurz umrissenen Veränderungen führten zu einer gesteigerten Produktion, die auch die Auswirkung auf die Färberei hatte. Es wurden größere Mengen gefärbt und innerhalb der Färberbranche fand eine Spezialisierung statt. Der Bereich teilte sich wie folgt auf:

  • Schwarz- [Schlicht, Schlechtfärber],
  • Waid- [Blaufärber]
  • Schönfärber.

(Vgl. Ploss: Buch von alten Farben / Vgl. Struckmeier, Sabine: Die Textilfärberei vom Spätmittelalter bis zur frühen Neuzeit)

Neben dieser handwerklichen Arbeit für den Handel, hatte die Färberei im häuslichen Bereich aber weiterhin Bestand.

Dazu finden sich im Buch „Medieval Textile Dyeing“ von John Edmonds auch folgende Informationen:

„Geoffrey Chaucer,  in the 14th Century, refers to madder, weld and woad as common ingrediens for textile dyeing. Many local plants or lichens were used homespun cloth. And for the more affluent the second-hand clothes markets would have reflected the quality of importend fabrics worn by the very rich. There was considerable trade in second-hand clothes, which no doubt also facilitated the spread of fleas and the plague.“

(„Geoffres Chaucher nimmt im 14. Jahrhundert bezug auf Krapp, Reseda und Wai als die üblichen Zutaten für die Textilfärbung. Bei im Heim gefertigten Kleider wurden viele heimische Pflanzen oder Flechten verwendet. Und für die etwas betuchteren spiegelte sich die Qualität der importierten und von den Superreichen getragenen Stoffe auf den Second-Hand-Kleidermärkten wieder. Es gab einen bemerkenswerten Handel mit Second-Hand Kleidern, welcher ohne Zweifel die Verbreitung von Ungeziefer und der Pest begünstigte.)

Nicht nur, dass wie oben schon erwähnt, Weld (Wau/Reseda) einer der drei üblichsten Färbedrogen war, sondern sorgte auch der florierenden Second-Hand Markt dafür, dass auch weniger wohlhabenden Bevölkerungsschichten in den Genuss kamen, sehr hochwertig gefärbte Kleidungsstücke zu tragen.

Anders als heute in Zeiten von Kick, H&M und Co.  waren Kleidung und textiler Hausrat Wertgegenstände, die über einen langen Zeitraum benutzt und in Nachlässen vererbt wurden ( vgl. Mosler-Christoph: Die materielle Kultur, hier insbesonders die Kapitel  5,6 und 8 vgl. Boockmann: Die Stadt, S. 72).

Und bevor wir nun zu den Gewebeproben komme, möchten wir nun eine Vermutung unsererseits äußern:

Wie kommen wir dazu zu behaupten, das Tuch, das gelb gefärbt war, vermutlich mit recht hoher Wahrscheinlichkeit mit Reseda gefärbt war?

Zunächst einmal: Beeren-Färbung wird in der Regel als minderwertige Färbung genannt (Vgl. Struckmeier, Sabine; vgl. Schweppe, Helmut). Ich selbst habe mit reifen Kreuzdornbeeren und Wacholderbeeren gefärbt.

Wacholder schlägt sich zwar tapfer an meinem Fenster aber mittlerweile muss selbst ich einsehen, dass nach einem Jahr das Tuch mit Reseda deutlich gelber ist und keinen Grauschleier hat.

Die Rinde von Apfelbäumen soll auch ein tolles gelbes Tuch färben, jedoch hatte ich selbst noch nicht die Ehre und es wird relativ selten in verschiedenen Quellen erwähnt.

Daher ist zusammen im Hinblick mit den vorangegangenen Quellen, die Reseda als häufigen Farbstoff erwähnen, anzunehmen, dass dieser Farbstoff (auch aufgrund seiner hohen Farbintensität und Leuchtkraft), als bevorzugtes Färbemittel für Gelb verwendet wurde.

Gewebeproben & archäologischer Nachweis von Farbstoffen

In der Untersuchungsreihe von 185 Mustern im Schweppe (S.72-73) wurde Luteolin, oder Luteolin in Verbindung mit Krapp in den Gewebeproben gefunden.

Beispielsweise wurden im Fundkomplex Herjolfness (Vgl. Ostergrad, Else: Woven into the Earth) viele Kleidungsstücke mit Lichen (Flechten) gefärbt. Diese waren dort wohl häufig zu finden und wurden daher häufig verwendet. Ebenso wurden mit Waid gefärbte Kleidungsstücke gefunden und mit Krapp gefärbte. Auch braungefärbte Kleidungsstücke wurden geborgen (wohl mit Blättern, Rinden, Gallen oder Nüsse gefärbt).  Viele der Kleidungsstücke bzw. Funde sind aber in einem recht schlechten Zustand. Durch die darin eingewickelten Leichen bzw. deren Säfte bei der Zersetzung über die vielen Jahre, wird vermutet, dass einiges nicht mehr nachgeprüft werden kann.

Da Flechten in Deutschland zu großen Teilen unter Naturschutz stehen, werden wir wohl in naher Zukunft erst mal nicht in den Genuss kommen, diese Färbedroge ausprobieren zu können.

Bei den London-Funden (S. 19 ff.) ist von Waid, Flechten(wobei die laut diesem Buch nicht Lichtecht sein sollen und ab dem 14. nicht mehr gefunden wurden bzw. nicht mehr modern gewesen sein soll → laut Texten aber weiterhin von den kanarischen Inseln importiert worden), Krapp, Kermes und Wau/Reseda die Rede.

„The chief commercial yellow dye was weld which could be used on its own or top-dyed over woad to give green, or brightened with madder to produce shades of orange and gold. Written references to it are few. However, its cultivation in England was probably sufficient to meet home demand, for analyses of seed samples from archeological deposits indicate that it was very common“

„Die kommerzielle Hauptfärbedroge für Gelb war Reseda, welches alleine, als Überfärbung mit Waid um Grün zu erreichen, oder verstärkt durch Krapp um Orange- und Goldtöne zu erzeugen genutzt wurde. Die schriftlichen Erwähnungen von diesem sind rar. Dennoch war seine Kultivierung in England ausreichend um den Hausgebrauch zu decken, die Analyse von Samenproben aus archäologischen Vorkommen indiziert, dass es sehr gebräuchlich war.“

Im Ploss (S. 28-29) wird neben Wau die Apfelbaumrinde als häufig verwendete Färbedroge erwähnt. Ebenso Safran und die Rinde des Sauerdorns. Auch die Birkenfärbung wird erwähnt. Hierzu möchte ich den Autor zitieren:

„Auch das welke Birkenlaub ergibt einen gelben Ton, es ist auch wahrscheinlich, dass diese überall erreichbare Substanz früh als Färbemittel bekannt wurde, aber es bleibt sehr schwierig, sie in der Analyse zu erkennen.“

Diese Hypothesist ähnlich wie den Zeugdruck (auf den späteren Seiten) sehr gewagt. In keinen weiteren Büchern finden wir Textquellen oder geschweige denn Gewebequellen zum Thema Birkenblätter bzw. Birkenblätterfärbung. Nur weil der Baum und dessen Blätter verfügbar waren, heißt es nicht automatisch, dass sie auch genutzt worden sind. Im Gegensatz zu den anderen Färbedrogen werden hierzu im Ploss auch keine Quellen zitiert. Für uns ist dies weiterhin ein Grund mein Tuch nicht mit Birke zu färben. Dafür ist die Quellenlage zu dünn bzw. quasi nicht vorhanden.

In den London-Funden (Vgl. Textiles and Clothing, c.1150-1450: Finds from Medieval Excavations in London) wurden 351 Gewebeproben genommen und diese wurden ausgewertet. Die meisten davon datieren ins 14. Jahrhundert und eine kleine Anzahl auf das 12., 13. und 15. .  Bei den Gewebeproben waren 220 positiv auf verschiedene Färbemittel.

Gelbe und Braune Färbungen sind eher schwierig in archäologischen Funden auszumachen, weil sie durch Färbung aus der Erdmatrix, in der sie vergraben sind, maskiert werden. Dennoch wurden elf Proben mit dem entsprechenden Farbstoff ermittelt. Durch ein neues Verfahren des Bristol-Teams konnte Luteolin als Färbstoff bestimmt werden (und Kaempferol). Ebenso konnte Luteolin in Kombination mit Waid, Indigo, Krapp und Braun gefunden werden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es eben sehr wahrscheinlich ist, dass ein gelber Stoff mit Reseda gefärbt wird bzw. wurde. Saflor, Safran und Apfelbaumrinde finde ich auch recht wahrscheinlich. Kamille, Birke oder Zwiebelschale als Färbemittel sind sehr (!) unwahrscheinlich.

Bei Färbe-, Hilfsmitteln und Faserrohstoffen sehe ich mich wirklich nicht als qualifiziert genug um dort genaue Aussagen zu tätigen. In verschiedenen Versuchen am heimischen Herd hat sich Reseda für mich als sehr anfänger-freundliche Färbung herausgestellt. Mit ausreichend Färbedroge (habe jetzt 200g Reseda auf 100g Wolle genommen) und einer 15-20% Alaun Beize ( i.d.R. Wiege ich Alaun mit meiner Küchenwaage ab, aber wenn dann mal 3 Gramm mehr aus der Tüte kommen, ist das nicht von Bedeutung) konnte ich ansprechende Ergebnisse fabrizieren.

Ein historisches Reseda-Rezept lässt sich u.a. im Buch „ The Colourful past“ finden. Dieses habe ich genutzt um in Kanzach ein Kleid zu färben. Das hat auch gut funktioniert. Leider war das Gefäß ein Eisentopf und das Endergebnis hatte einen entsprechenden Grünstich.

 

Es gibt auch sicherlich viele gute Rezepte oder Bücher zum Thema Pflanzenfarben auf Wolle und Seide. Eine Empfehlung von uns dazu ist „Naturfarben auf Wolle und Seide von Dorothea Fischer „.

Der Text hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit und fehlerloses methodisches vorgehen, dennoch hoffe ich, meinen Kenntnisstand zum Themenkomplex Reseda ansprechend zusammengefasst zu haben.

Genutzte Literatur:

  • Emil Ernst Ploss, Ein Buch von alten Farben, Moos Verlag
  • Textiles and Clothing, ca 1150-1450: Finds from Medieval Excavations in Loncon, Boydell & Brewer
  • John Emonds, Medieval Textile Dyeing
  • Woven Into the Earth, Else Ostergaard, Aarhus University Press
  • Dorothea Fischer, Naturfarben auf Wolle und Seide
  • The Colourful Past: Origins, Chemistry and Identification of Natural Dyestuffs,  Maarten Roderik Bomme
  • Helmut Schweppe, Handbuch der Naturfarbstoffe

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