Einstieg leicht gemacht – Teil 3: Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens

„Einstieg leicht gemacht“, so heißt diese Serie. Aber kann es wirklich so simpel sein? Eine schrittweise Anleitung für eine Einarbeitung basierend auf wissenschaftlichen Grundlagen findet ihr hier. Achtung: So sieht meine Vorgehensweise aus. Ich erhebe weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf eine 100%ige Erfolgsquote.

Achtung! Geschichte kann süchtig machen!

Für Teil 1: Die Kosten könnt ihr hier klicken

Teil 2: Wo fange ich an? findet sich hier

Welchen Zeitraum hast du dir ausgesucht? Ich empfehle eine Zeitspanne von höchstens fünf Jahren. Welchen Stand möchtest du denn darstellen? Und in welchem Land? Welchem Landstrich? Welcher Stadt? Bevor du etwas nähst, musst du dich in das Thema einlesen! Hast du dir überhaupt schon Literatur zu dem Thema  durchgelesen? Auf welche Quellen stützt du den Zierstich auf deinem Kragen?

Beim Einstieg in eine fundierte historische Darstellung kann es passieren, dass man von einer ähnlich wie oben beschriebenen Flut an Fragen überrollt wird, die auf den ersten Blick entmutigend wirkt. Quellen? Literatur? Warum wird die Seite über Ritter im Mittelalter, die mein Nachbar mit so viel Freude selber zusammengestellt hat nicht als Quelle akzeptiert? Wo soll ich mich denn sonst informieren? Fachliteratur? Die ist doch bestimmt langweilig und kaum verständlich, wenn man nicht studiert hat… Oder?

Fragen über Fragen – und die Antworten scheinen unerreichbar. Davon sollte man sich aber keinesfalls entmutigen lassen. Mit ein wenig Hilfe (die hiermit geleistet werden soll) sind die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens durchaus erlernbar und auch gar nicht so schwer oder langweilig, wie oftmals vermutet wird. Geschichtswissenschaftliches Arbeiten besteht zum einen aus fleißigem Lesen, zum anderen aus der genauen Kenntnis über deren Methoden et voilá: die Darstellung ist schneller recherchiert als man vermuten soll.

Zunächst müssen wir uns bewusst machen, welche Arten von Schriften uns bei der Arbeit zur Verfügung stehen. Hierbei müssen wir unterscheiden zwischen Quellen und Literatur, die uns ganz unterschiedliche Arten von Informationen zur Verfügung stellen.

    1. Quellen (Auch: Primärliteratur)
      Der Duden definiert „Quelle“ als „[überlieferter] Text, der für wissenschaftliche o. ä. Arbeiten, Forschungen herangezogen, ausgewertet wird, werden kann“ und trifft damit den Kern der Sache. Als Quelle behandeln wir solche Schriftstücke, Kunstgegenstände, Inschriften… , die aus der zu untersuchenden Zeit stammen und uns in irgendeiner Form Auskunft geben können. Beispiel: Die Maciejowski-Bibel stammt aus Frankreich, Mitte des 13. Jahrhunderts und kann somit Auskunft über Buchmalerei, Mode, Waffen usw. besagter Region und Zeit geben.Als Quelle können wir also nur diejenigen Schriftstücke (natürlich sind auch Kleider, Möbel, Münzen etc. als Quellen nutzbar, doch diese Fallen streng genommen in den Bereich der Archäologie. Die Geschichtswissenschaft beschäftigt sich ursprünglich ausschließlich mit Schrift, auch wenn die Disziplinen heute teilweise ineinander übergehen) benutzen, die aus der Zeit stammen und uns Auskunft über sie geben. Die Website vom netten Nachbarn – und mag sie mit noch so viel Freude zusammengestellt worden sein – ist also KEINE Quelle.
    2. Literatur (Auch: Sekundärliteratur)
      Als Literatur werden diejenigen Schriftstücke bezeichnet, die eine wissenschaftliche Untersuchung von Quellen betreiben. Dies kann alles umfassen von der Habilitationsschrift zum Was-ist-Was-Buch, solange der Inhalt korrekt und mit wissenschaftlichen Methoden erarbeitet ist. Vermutungen wie „Das gab es in der Antike und das gibts in der Neuzeit, also gab es das bestimmt auch im Mittelalter, obwohl aus der Zeit keine Quellen für meine Behauptung zu finden sind“ brandmarken das schönste Buch schnell und einwandfrei als unsachliches Geschmiere und sollten lieber nicht konsultiert werden.

Definitionen schön und gut – aber was bringt mir das? Ich weiß immer noch nicht, wo ich die geforderten Quellen hernehmen soll!

Bei einer sorgfältigen Einarbeitung in das Mittelalter gilt zunächst: Geduld. Und Lesen. Viel lesen. Wir sprechen schließlich von einer Zeitspanne von +- 1000 Jahren, in denen sich die Menschheit stark entwickelt hat. Zur ersten Orientierung sollten also keine Quellen gesichtet werden, denn die bieten nur kleine Einblicke in sehr kurze Zeitspannen und helfen uns erst weiter, wenn wir uns schon ausreichend mit dem Gros der Thematik auseinandergesetzt haben. Um dieses Level zu erreichen, ist ein Blick in einige Handbücher der beste Einstieg. Handbücher bereiten breite Themenkomplexe „konsumfertig“ auf, erläutern große Ereignisse und Zusammenhänge und sparen auch nicht mit Quellenverweisen. Empfehlenswert und leicht im Internet oder Bibliotheken zu erlangen sind hier:

  1. Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, 24. Bände zu verschiedenen Epochen.
  2. Oldenburgs Grundriss der Geschichte, 26. Bände, noch nicht abgeschlossen.
  3. Handbuch der europäischen Geschichte, 7 Bände.

Stoßen wir in diesen Werken auf Unklarheiten oder Teilaspekte, die uns tiergehend interessieren, so können die großen historisch-wissenschaftlichen Lexika weiterhelfen.

  1. Lexikon des Mittelalters, 9 Bände.
  2. Handwörterbuch zur deutschen Realgeschichte
  3. Lexikon für Theologie und Kirche, Registerband + Ergänzungsband.

Zu diesem Zeitpunkt sollten wir uns bereits einen recht ordentlichen Einblick in die Gesamtthematik verschafft haben. Gang nach Kanossa? Interregnum? Großes abendländisches Schisma? Goldene Bulle? Das alles sind plötzlich keine unbekannten Begriffe mehr, sondern so geläufig, dass wir bei der nächsten Cocktailparty bestimmt Eindruck mit unserem Wissen schinden können. Aber wie genau ist das jetzt eigentlich mit der Goldenen Bulle? Warum wurde sie verfasst? Welche Prozesse haben auf dieses Ereignis hingewirkt? Und inwiefern unterscheidet sie sich eigentlich von den Regeln der Königswahl in früheren Jahrhunderten? Das Interesse über das wirkliche Mittelalter, die Menschen, ihre Denkweisen und nicht zuletzt ihre Kleidung ist geweckt, also ab in die Bibliothek. Nun bewegen wir uns weg von Grundlagenliteratur und tauchen ein in die wunderbare Welt der Zeitschriften. Natürlich sprechen wir hierbei nicht von Hochglanzmagazinen mit den 10 besten Abspecktipps für den Sommer, sondern von historischen Zeitschriften, die Fachartikel mit komprimiertem, themenbezogenem Inhalt zur Verfügung stellen. Eine Auswahl bieten hier:

Epochenübergreifende Zeitschriften

  1. Historisches Jahrbuch, erscheint halbjährlich seit 1880,
  2. The English Historical Review, erscheint 4 mal pro Jahr.
  3. Saeculum Jahrbuch für Universalgeschichte, erscheint 4 mal pro Jahr

Zeitschriften mit Schwerpunkt auf Mittelalter und früher Neuzeit

  1. Zeitschrift für historische Forschung, Vierteljahresschrift zur Erforschung des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit. (Schwerpunkt 13.-19. Jhd.)
  2. Le Moyen Âge (Schwerpunkt: Mittelalterliche Geschichte, Literatur und Philologie)

Wir haben uns also allgemein und nun auch noch speziell über Aspekte des Mittelalters informiert. Zeitgeist, Politik, Erfindungen, Mode – ich weiß jetzt, welche Epoche mich am meisten interessiert. Wie mache ich also weiter? Wo finde ich Quellen für meine Darstellung? Wie kann ich mich mit dem Thema auseinandersetzen, ohne von Interpretation und Sichtweise anderer abhängig zu sein? Nun ist der Zeitpunkt erreicht, zu dem wir uns guten Gewissens in die aufregende und manchmal verwirrende Welt der Quellen begeben können, die uns ganz neue Perspektiven auf das Thema ermöglichen. Aber wo beginnen?

Zunächst sollte uns die vorhergegangene Lektüre bereits ausführlich mit Quellen und Quellennamen versorgt haben, sodass wir diese nun nur noch auf den betreffenden Seiten oder Bibliotheken raussuchen müssen. Geht unser Wissensdurst jedoch zu sehr ins Detail (ZU sehr gibt’s ja eigentlich gar nicht 😉 ), dann suchen wir uns schonmal nach einer Quelle für diesen ganz bestimmten Mantel von dieser einen Statue oder diesen einen super hübschen Beutel müde und die Fülle an Quellen für das Mittelalter erscheint wie ein unübersichtlicher Haufen. Evangeliare, Altarbilder, Kleiderodnungen, Briefe, Urkunden… und dann noch die Textilfunde selbst! Wo anfangen? Gute Anlaufstellen für Quellen finden sich zunächst im Internet. Während man bei Literatursuche auf Webseiten ausdrücklich Vorsicht walten lassen sollte (heute kann schließlich jeder ins Netzt schreiben, was ihm beliebt. Aber nur weil Berta Müller behauptet, dass Kaiser Otto I. in Wahrheit 1456 gelebt hat, wird es noch lange nicht zur Wahrheit. Ausgenommen sind digitalisierte Werke.), finden Digitalisate von Quellen leicht und weite Verbreitung. Auch hier ist Vorsicht geboten, denn selbstverständlich können Quellen falsch datiert oder zugewiesen werden. Dies ist z.B. der Fall auf

Pinterest

Die Seite bietet ein schier endloses Repertoire an Quellenauszügen, deren leichte Erreichbarkeit die Quellensuche vereinfacht. Findet man dort eine Abbildung, die eigene Vermutungen stützt, empfiehlt sich dennoch ein Blick in das Originaldokument um die Angaben zu überprüfen. Solche Originale finden sich beispielsweise auf

Universität Heidelberg (Bsp. Codex Manesse)

Catalogue of illuminated manuscripts (Bsp. The Queen Mary Apokalypse)

Monumenta Germaniae Historica (Nur schriftliche Editionen)

Eine inhaltlich hochwertige, wenn auch in Hinblick auf die Benutzerfreundlichkeit furchtbare Seite ist

Regesta imperii

Hierbei handelt sich um ein klassisches Quellen- bzw. Literaturverzeichnis. Die Seite liefert in ihrem OPAC also keine unmittelbaren Quellen oder Literatur, sondern stellt unter einer Schlagwortsuche alle bei ihr verzeichneten Werke in einer Liste zusammen und zeigt gleich auf, ob es sich bei den Ergebnissen um Monographien, Sammelwerke oder Aufsätze handelt.  Die Benutzung der Regesta führt uns also zwangsläufig in eine Bibliothek oder zu der Fernleihe unseres Vertrauens.

Eine weitere Auswahl an Literatur und Quellen mit Bezug auf das 13. Jahrhundert findet ihr auf unserer Website.

Und was passiert, wenn ich dann immer noch nicht die passenden Quellen gefunden habe?

Nun, die Wahrscheinlichkeit für das Eintreffen dieser Sorge ist meist unbegründet. Geschichtswissenschaft funktioniert nach dem Schneeballprinzip, d.h. ich lese einen Lexikonartikel, welcher mir seine Quellen nennt. Ich suche diese Quellen auf, schaue sie an und werde wieder weitergeleitet. Im nächsten Buch finde ich sogar drei Hinweise, die mit weiterhelfen können. In diesen drei Büchern finden sich dann auch wieder Verweise, die mich in meiner Fragestellung ein Stück voran bringen usw. Mit Spaß am lesen und ein klein wenig Fleiß, sollten sich alle Fragen mit der Zeit beantworten lassen.

Findet sich dann aber enttäuschenderweise auch nach der 20. Lektüre kein Beleg für dieses eine Stickmuster, das mir so gut gefallen hätte, dann hat es vermutlich niemals existiert und sollte aus der historischen Darstellung ausgelassen werden.

-Ann

Bildnachweis: Codex Manesse, UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 292v, Der Schulmeister von Eßlingen

4 Gedanken zu “Einstieg leicht gemacht – Teil 3: Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens

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