Mythbusters – Die Menschen im Mittelalter mussten schuften bis zum umfallen

Ist das wirklich so?

Die Menschen im Mittelalter mussten schuften mussten bis zum Umfallen, Freizeit gab es nicht, jeden Tag wurde von morgens bis abends gearbeitet und das sieben Tage in der Woche. Frei gab es höchstens einmal, um zur Kirche zu gehen, der Rest des Lebens bestand aus unmenschlicher Plackerei.

Aber woher kommt diese Annahme?

Vor 100 oder 200 Jahren war eine 60-80 Stunden Woche nicht unüblich. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich die Arbeitszeit immer weiter reduziert, es wurde die fünf Tage Woche eingeführt, Teilzeitmodelle angeboten, bezahlter Urlaub zum Standard und so weiter. Wenn also früher (zum Beispiel zu Zeiten der Großeltern) mehr gearbeitet wurde – so die häufige Annahme – dann muss viel früher ja noch viel mehr gearbeitet worden sein. Oder?

Tatsächlich ist dies ein Fehlschluss. Denn im Mittelalter gab es deutlich weniger Arbeitstage als heute – zumindest wenn wir von einem modernen 8 Stunden Arbeitstag ausgehen. So gehen Douglas Knoop und G.P. Jones in ihrem Werk “ The Medieval Mason“ davon aus, dass die durchschnittliche Arbeitszeit eines Tages etwa 9 Stunden betrug (zzgl Pausen). Nora Ritchie schätzt in ihrem Werk „Labour conditions in Essex in the reign of Richard II“ die durchschnittliche Jahresarbeitszeit im 14. Jahrhundert auf 1440 Stunden bei einem 12-Stunden-Tag. Somit kommen wir auf 120-160 Arbeitstage im Jahr. Dies liegt weit unter der heutigen Arbeitszeit eines Angestellten in Deutschland bei einer 40 Stunden Woche und 30 Tagen Urlaub im Jahr.

Im 13. Jahrhundert wird die jährliche Arbeitszeit auf etwa 1620 Stunden geschätzt, was zu der Anzahl von 135-180 Arbeitstagen im Jahr führt, jenachdem von welcher täglichen Arbeitsdurchschnittszeit wir ausgehen.

Ian Blanchard schätzt die durchschnittliche Arbeitszeit im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit auf 1980 Stunden bei einem 11 Stunden Tag, was wiederum zu 180 Tagen im Jahr führt.

Die durchschnittliche Arbeitszeit ist nicht die tatsächliche Arbeitszeit

Hier müssen wir allerdings kurz einhaken um ein häufig auftretendes Missverständnis an dieser Stelle zu klären, DENN: Die durchschnittliche Arbeitszeit ist NICHT die tatsächliche Arbeitszeit einer Person an einem Tag. Wenn wir also sagen, die Menschen haben bei einem angenommenen Arbeitstag von 9 Stunden 180 Tage gearbeitet, sind alle Stunden gleichmässig auf die Tage verteilt. Das entspricht aber nicht unbedingt der Realität.
Wenn ein Arbeiter zur Erntezeit für 3 Monate ca. 16 Stunden am Tag arbeitet und in der Wintersaison für 3 Monate nur 2 Stunden am Tag arbeitet, so kommen wir auf eine durchschnittliche Arbeitszeit von 9 Stunden am Tag. Dabei hat der Arbeiter keinen einzigen Tag 9 Stunden gearbeitet.
Wenn man also die durchschnittliche Tagesarbeitszeit auf 9 Stunden festlegt, muss der Arbeiter im Winter 4,5 Tage arbeiten um einen Arbeitstag „voll“ zu bekommen, im Sommer hat er nach 16 Stunden arbeit schon fast 2 „angenommene Arbeitstage“ gefüllt.
Die Durchschnittliche Arbeitszeit sagt also nicht, dass jeder nach der angegebenen Zeit aufhörte zu arbeiten.

Unterschiedliche Modelle, für unterschiedliche Berufe

Doch es wurde nicht nur erst aufgehört zu arbeiten, wenn alle Arbeit erledigt war. Ob und wie lange man arbeitete hing beispielsweise auch vom gewählten Beruf ab. Musste im Spätsommer bzw. zum Beispiel die Ernte eingebracht werden, oder die Saat vor dem ersten Frost fertig ausgesät werden, war es wichtig, dies so schnell wie möglich zu machen. Ein Handwerker jedoch, der ein hochqualitatives Produkt abliefern musste, musste konzentriert und fokussiert bleiben und konnte es sich kaum leisten, mehrere Tage bis zu Erschöpfung durchzuackern und so die Qualität seines Produktes zu gefährden.

In großen Städten wie beispielsweise Köln achteten die Zünfte darauf, dass die Handwerker nicht zu lange arbeiteten, damit die Qualität ihrer Arbeiten, und somit der Ruf der Zunft und des Handwerkes nicht darunter litt. So sagen zum Beispiel die Zunfturkunden der Garnmacherinnen aus dem 14. Jahrhundert, dass man nicht vor Anbruch des Tages mit der Arbeit anfangen sollte und auch Abends nicht nach acht Uhr noch arbeiten sollte. Außerdem sollte man vor Feiertagen das Tagwerk früher beenden. An Feiertagen sollte gar nicht gearbeitet werden.

Pausen waren wichtig

Weiterhin sagen uns viele Quellen, dass es üblich war Pausen zu machen. So schlägt der Bishop of Durham 1570 folgende Pausen vor: Frühstück, Mittag, Nachmittagsschlaf, einen weiteren Snack am Nachmittag und sobald der Abend kommt, soll der Arbeiter seine Arbeit ruhen lassen.

Zudem kommen noch die ganzen Feiertage. Im Mittelalter war nicht nur der Sonntag ein Feiertag, sondern natürlich auch Ostern, Pfingsten, Weihnachten und so weiter, so wie viele Feiertage der Heiligen. Man geht davon aus, dass etwa 1/3 des Jahres aus Feiertagen bestand. Dies wären rund 120 freie Tage im Jahr – etwa doppelt so viele wie es heute sind.

An diesen Tagen mussten natürlich grundsätzliche Dinge, wie Kochen oder das Vieh versorgen erledigt werden. Allerdings reduzierte sich hier die Arbeit dennoch auf ein Minimum. Das Vieh zu versorgen oder Kochen wird nicht von allen Mitgliedern des Haushaltes ausgeführt, noch zudem ist das in seltenen Fällen eine tagesfüllende Aufgabe.

Teamwork war alles

Und auch schwere, langwierige Arbeiten wurden in der präindustriellen Gesellschaft des Mittelalters anders angegangen, als beispielsweise im frühen 20. Jahrhundert.

Zehn Leute brauchen für das Bearbeiten von 2 Hufen Acker weniger Zeit, als fünf Leute für das Bearbeiten von Einer. Je mehr Leute zusammenarbeiten, desto schneller und leichter geht die Arbeit, selbst wenn die Arbeitsmenge proportional mit der Menge der Arbeitenden mitwächst.
Das ist auch der Grund, warum Landwirtschaftliche Betriebe eine gewisse Grundgröße nicht unterschritten haben. Im Dorf wurden die wirklich arbeitsreichen Tätigkeiten von der ganzen Dorfgemeinschaft gemeinsam erledigt, während Einzelhöfe irgendwo in der Pampa deutlich größer sein mussten, als die Hufnerkate mit 4 bis 6 Bewohnern. Einen bäuerlichen Singlehaushalt gab es schlicht nicht.
Man kann ab dem Spätmittelalter sehr schön sehen, dass Knechte und Mägde angeheuert wurden, wenn die ältesten Kinder das Haus verließen und wieder entlassen wurden, wenn jüngere Kinder alt genug wurden, mitzuarbeiten. Wenn es eine wichtige Lektion gibt, die man aus dem Leben der mittelalterlichen Landbevölkerung ziehen kann, dann die: Teamwork funktioniert.
(Vielen Dank an In Foro – Städtisches Leben um 1300 für diesen Beitrag.)

Abgesehen davon hielt nicht jeder landwirtschaftliche Betrieb (Groß-)Vieh wie Rinder, Pferde oder Ochsen – und wenn sie dies taten, waren das wohl seltenst Massentierhaltungsbetriebe mit 500 Rindern. Ein paar Hühner oder Schweine zu füttern ist keine tagfüllende Aufgabe. Praktischerweise versorgte sich das Vieh in den arbeitsintensiveren Sommermonaten meistens auch ganz von alleine, da es auf der Weide war und nicht so viel Aufmerksamkeit brauchte.

Gerne wird an dieser Stelle auch argumentiert, dass man ja alltägliche Dinge wie Holz hacken oder Wäsche waschen musste. Hier möchten wir kurz darauf hinweisen, dass solche Dinge in der Regel nicht täglich anstanden. Dafür gab es ganze Tage, die nur dieser Aktivität gewidmet wurden, damit man eben NICHT jeden Tag Holz hacken muss. Das könnte schließlich ganz schön unpraktisch sein, zum Beispiel wenn es regnet oder schneit. Da bietet es sich besser an, in einer „alle-packen-mit-an-Aktion“ das Holz für eine ganze Woche oder einen ganzen Monat zu hacken.

Sind (Ur-)Großeltern als Quelle für das Mittelalter zulässig?

Zuletzt müssen wir auf eins der beliebtesten Argumente eingehen: „Bei meiner/m/n Großmutter/vater/eltern war es aber anders!“

Die Oma, Großtante, der Uropa oder Onkel haben wohl vermutlich alle nicht in Mittelalter gelebt. Falls doch mögen sie sich bitte bei uns melden, wir hätten da einige Fragen…  Da wir aber keine lebenden Zeitzeugen mehr haben, müssen wir uns mit anderen Quellen begnügen – und diese Quellen sind NICHT die Großeltern aus dem 20. Jahrhundert. Doch was unterscheidet das Leben unserer Großeltern vom Leben der Menschen im Mittelalter?
Dieses Missverständnis vom „sich totackern“ im Mittelalter fußt im Grunde aus den veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Arbeits- und Lebensbedingungen aus der (Proto-)Industrialisierung. Durch Bevölkerungswachstum und verbesserte Produktionsmöglichkeiten wuchsen auch Angebot und Nachfrage, was wiederum zu erhöhter Arbeitszeit führte. Ganz davon abgesehen, dass im Vorfeld durch die hausindustrielle Produktion Landarbeiter neben ihrer Hauptarbeit noch Zuarbeiten für größere Betriebe verrichteten. Das ist allerdings ein Problem, dass das 18. Jahrhundert hervorgebracht hat und kann nicht auf das Mittelalter widergespiegelt werden. Da waren ja gerade (nicht nur, aber eben besonders) die Zünfte sehr streng, wenn z.B. um Regulierung von Arbeitszeit zum Qualitätserhalt der Waren und dem Verbot von Zuarbeit durch Ungelernte und Auswärtige ging. Letzteres sollte vor allem übrigens ein geregeltes Einkommen von Meistern und Gesellen schützen, sowie deren Überarbeitung und dadurch bedingt Verlust an Produktionsqualität verhindern.

Wir sehen also, der Feierabend wurde sich selbstverständlich redlich verdient. Es gab sehr arbeitsintensive Perioden im Jahr, an welchen zumindest ein Teil der Bevölkerung länger arbeitete als ein durchschnittlicher Arbeiter heute. Dennoch gab es auch im Mittelalter oft und genug Freizeit, um sich von der anstrengenden Arbeit zu erholen.

Mehr zum Thema

Arbeitszeiten im Mittelalter

Die arbeitende Bevölkerung

Die soziale Abstufung der Landbevölkerung

Neues aus der Gotik – Ausstellung im Diözesanmuseum in Paderborn

Lohnt sich der Weg in die Ausstellung?

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag und wurde uns freundlicherweise von Markus und Vanessa Pilgermann zur Verfügung gestellt.

Ende Oktober haben wir uns auf den Weg nach Paderborn gemacht um uns die aktuelle Ausstellung im Erzbischöflichen Diozäsanmuseum anzusehen. Unser Hund Ella hatte sich dagegen entschieden, uns zu begleiten. So altes Zeug, das größtenteils nicht „unserem“ – dem 14. Jahrhundert entspringe, interessiere sie nicht die Kaffeebohne, ließ sie wissen und machte sich lieber einen gemütlichen, freien Nachmittag in unserer Hausstatt. Wer möchte es ihr verübeln…?

Weiterlesen

Outfit of the day – Sonntagsstaat der reichen Bürgerin

Die Kleidung einer Kölner Bürgerin im ausgehenden 13. Jahrhundert

Heute zeigen wir euch als Out fit of the Day den Sonntagsstaat einer reichen Bürgerin, wie sie es in Köln um 1300 getragen haben könnte. Wir nennen diese Kombination auch liebevoll „Das Königinnenoutfit“. Für eine Königin ist es allerdings viel zu schlicht, doch für eine Bürgerin? Die Kleider sehen doch verdächtig nach Adel aus, ist das also nicht alles viel zu teuer und hochwertig für eine Bürgerin? Bürger muss man doch schließlich optisch vom Adel abgrenzen können, nicht wahr?

Die Antwort lautet: Nein, nicht wahr.

Weiterlesen

Ich hab den Dreh raus – Teil 2 – den Rocken bestücken

Vor einiger Zeit habe ich einen Blogpost zum mittelalterlichen Spinnen mit der Handspindel geschrieben. Darin habe ich beschrieben, dass im im Hoch- und Spätmittelalter ausschließlich von einem Hand- bzw. Standrocken gesponnen wurde, aber nicht aus der Hand heraus.

Viele von euch haben mich daraufhin gefragt, wie man den Rocken richtig mit Spinnfasern bestückt und ich möchte euch heute nun die Hintergründe zum mittelalterlichen Rocken aufzeigen und das ganze in einem bebilderten Tutorial zeigen.

Weiterlesen

Mythbusters: Von Bauern, Seide und Schwertern – die finanzielle Situation der Landbevölkerung im 13. Jahrhundert

Durften Bauern Kleider aus Seide tragen und ein Schwert führen?

Bauern im Mittelalter waren arm, unterdrückt und rechtlos. Sie hausten in kärglichen Hütten, mussten tagein tagaus bis zur Erschöpfung schuften und schafften es – aufgrund der drückenden Abgabenlast – meist gerade so ihr Überleben zu sichern. Sie hatten kaum Freizeit, und wenn, dann nur im in die Kirche zu gehen und dort von den Geistlichen weiter gegeißelt zu werden. Menschen in grauen und braunen Lumpen, schleppen sich verdreckt dahin, sind oftmals krank, und froh, wenn sie gerade noch ein paar Zähne im Mund haben. So, oder so ähnlich ist das populäre Bild der Bauern im Mittelalter, das uns gerne in Film und Fernsehen übermittelt wird.

Doch wie war es wirklich?

Weiterlesen

Von Bürgern die Auszogen um Bauern zu werden

Ackerbürger in der mittelalterlichen Stadt

Die mittelalterliche Gesellschaft war klar gegliedert; die Bauern lebten auf dem Land und versorgten die Bevölkerung mit Nahrung, die Stadtbewohner waren Handwerker und Kaufleute und trieben Handel mit allen möglichen Produkten und Gütern.

In den Städten kamen ab dem 13. Jahrhundert vermehrt die Zünfte auf; hier wurde in der Metallverarbeitung, der Textilherstellung oder dem Bauhandwerk und vielen weiteren Berufsgruppen gearbeitet. Ebenso zu nennen sind hier Händler, Knechte, Schreiber, Gelehrte oder Verwaltungskräfte. Aber Bauern? – Die passen nicht in das oft vermittelte Bild der Stadtbevölkerung. Bauern kamen von außerhalb, eben „vom Land“ in die Stadt, um ihre Nahrungsmittel auf den Märkten anzubieten und sich somit einen Gewinn zu erwirtschaften. Aber war es wirklich immer so?

Weiterlesen