Mythos Mittelalter – Von Prostituierten und gelben Kleidern

Trugen Prostituierte im Mittelalter gelbe Kleider?

In letzter Zeit wurden wir häufig darauf angesprochen, wie es denn sein kann, dass „brave Bürgerinnen“ wie wir es sind, in einem gelben Kleid auftreten.
(-> Nur für den Fall, dass ihr es nicht mitbekommen habt: Seit Jahren oder vermutlich Jahrzehnten wird vor allem in der Mittelalter(markt)szene, aber auch in den Medien oder gar in der Literatur immer wieder der Mythos vom „gelben Kleid“ erzählt. Diesem Mythos nach trugen im Mittelalter alle Prostituierten gelbe Kleider, weil es das Gesetz aus Gründen der Kenntlichmachung so verlangte.) In diesem Blogpost erklären wir euch die Entstehung und Hintergründe dieses Mythos und erklären, welche Farben und Kleidungsstücke wirklich von Prostituierten getragen wurden.

Nun ist es grundlegend schonmal schwierig Formulierungen zu treffen wie „Im Mittelalter war Zustand XY so.“ – denn wie wir alle wissen dauerte das Mittelalter von ca 500-1500 und ist räumlich vom Mittelmeer bis nach Skandinavien und von der Atlantikküste bis in den osteuropäischen Raum zu verorten.
Dass Etwas über 1000 Jahre und in ganz Europa immer gleich war ist also extrem unwahrscheinlich, bzw. in fast allen Fällen zu widerlegen.

Doch woher kommt dieser Mythos und warum ist er nicht wahr?

Zum einen ist natürlich an jeder Legende auch ein Fünkchen Wahrheit dran. Vermutlich hat sich dieser Mythos aus einer der zahlreichen Kleiderverordnungen aus dem späten Mittelalter entwickelt: Denn in diesen spielt die Farbe Gelb schon manchmal eine Rolle. So sollten Beispielsweise in manchen Städten Juden gelbe Erkennungszeichen tragen und auch Prostituierte war in manchen Fällen die Kennzeichnung mit gelben Kleidungsstücken vorgeschrieben.

Hier gibt es aber drei sehr wichtige Dinge, die uns schnell erahnen lassen, dass es sich nur um einen Mythos handeln kann:

  1. In diesen Verordnungen ist niemals (oder für den Fall, dass wir so eine Verordnung einfach noch nicht kennen nur in Einzelfällen) die Rede von einem ganzen Kleid in gelb. In der Regel sind es Erkennungszeichen (z.B. aufgenähte Streifen) oder Accessoires (z.B. Tuch oder Schleier) die gelb sein sollen.
  2. In betreffenden Kleiderverordnungen werden nicht nur gelbe Accessoires genannt, sondern genauso welche in anderen Farben.
  3. Nicht nur Kleidungsteile einer bestimmten Farbe gelten als Erkennungszeichen, sondern manchmal das Kleidungsstück an sich, unabhängig von der Farbe (z.B. das Tragen eines bestimmten Mantels)

Welche Quellen für gelbe Kennzeichnungen für Prostituierte gibt es nun?
Wir kennen folgende:

  • 15. Jahrhundert, Altenburg (gelbes Tuch)
  • 15. Jahrhundert, Frankfurt (gelber Kleidersaum)
  • 15. Jahrhundert, Hamburg (Haube mit gelben Streifen)
  • 15. Jahrhundert, Leipzig (gelbes Band)
  • 13. Jahrhundert, Regensburg (nicht näher definierte gelbe Accessoires)

Fazit

Wir sehen also, gelbe Kennzeichen für Prostituierte wurden vor allem im Spätmittelalter vorgeschrieben. Aus dem 13. Jahrhundert kennen wir nur eine Quelle.
Und noch mehr spricht für uns dafür, dass Prostituierte nicht bloß gelb trugen, denn es gibt mehrere Kleiderordnungen, die rote oder grüne Kleidungsstücke vorschreiben. So ist es zum Beispiel in unserem Darstellungsort Köln im späten 14. Jahrhundert ein roter Schleier oder eine rote Haube. Für das 13. Jahrhundert liegen in Köln allerdings gar keine Quellen vor, von daher ist es streitbar, ob es vorher schon solche Regelungen gab und wenn ja wie sie aussahen.

Somit gibt es – auch aufgrund von zahlreichen Darstellungen auf denen Damen in gelb gekleidet sind, die deutlich erkennbar keine Prostituierten darstellen (bsp. Weingartner Liederhandschrift) – für uns keinen Grund zur Annahme, dass das Tragen eines gelben Kleides zum Nachteil einer Kölner Bürgerin im 13. Jahrhundert gewesen wäre.
Und deswegen unser Tipp auch für alle Neueinsteiger: Prüft alle Aussagen von Dritten, insbesondere wenn sie so allgemein gehalten sind und ohne Quellverweise gemacht werden immer sehr genau.

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