Mythbuster – Populäre Mythen des Mittelalters aufgeklärt

Mythos Mittelalter

In dieser Reihe greifen wir häufig weitergegebene „Szenemythen“ auf, die oft zwar einen wahren Kern haben, in ihrer Aussage aber nicht richtig sind.

Im Mittelalter waren 99% aller Menschen Bauern und deswegen arm.

Dies ist eine Aussage, die einen wahren Kern hat, denn es stimmt, dass ein Großteil der mittelalterlichen Bevölkerung auf dem Land lebte. Das heißt allerdings noch lange nicht, dass sie alle Bauern waren oder gar alle arm waren.

Nicht nur die Städte boten den Menschen vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten, sondern auch auf dem Land war die Gesellschaft so heterogen wie man sie sich nur vorstellen kann.

Neben freien und unfreien Landarbeitern und tatsächlichen Bauern gab es noch Handwerker, Schulzen, Ministeriale, Hüfner und so weiter. All diese Menschen sind Teil der mittelalterlichen Landbevölkerung, doch die meisten von ihnen sind keine Bauern.

Ein Bauer ist tatsächlich nur das Oberhaupt eines Hofes, die Bäuerin ist seine Frau. Alle anderen Menschen die auf dem Hof leben und arbeiten sind keine Bauern oder Bäuerinnen, auch wenn sie (teilweise) die Arbeit verrichten, die wir heute als das verstehen, was Bauern machen.

Es gibt außerdem große soziale Unterschiede in der ländlichen Gesellschaft. Vom einfachen Kätner bis hin zum reichen Großbauern, vom armen Einzelhof, bis hin zur gut organisierten und von einer ausgeklügelten Infrastruktur profitierenden Bauernschaft lässt sich alles finden.

Ein weiteres, weit verbreitetes Klischee ist, dass die Landbevölkerung den ganzen Tag unter barbarischen Bedingungen schuften musste bis zum Umfallen. Ein 16 Stunden Tag war das mindeste, Pausen und freie Zeit gab es nicht und wenn überhaupt, dann nur um in die Kirche zu gehen. Auch dieses Klischee ist dem aktuellen Stand der Forschung nach überholt. So wird angenommen, dass die Landbevölkerung im 13. Jahrhundert nur Durchschnittlich 150 Tage im Jahr arbeiteten. An diesen Tagen arbeiteten sie zwar so lange, bis das „Tagwerk“ beendet war, allerdings gab es zwischendurch auch zahlreiche Essens- und Ruhepausen. Im Vergleich dazu arbeiten wir heute bei einer durchschnittlichen fünf Tage Woche etwa 210 Tage im Jahr abzüglich Krankheit und Urlaub.

Da dieses Thema so umfangreich ist und andere schon wunderbare Arbeit zum Thema geleistet haben, möchten wir an dieser Stelle auf die Blogposts von Inforo 1300 hinweisen:

Die soziale Abstufung der Landbevölkerung

Die arbeitende Bevölkerung im Mittelalter

Arbeitszeiten im Mittelalter

Das Fazit ist also: Ja sehr viele Menschen im Mittelalter lebten auf dem Land. Nein, sie waren nicht alle Bauern. Nein, sie waren nicht alle arm.

 

Gelb war…

1. Sehr Teuer
2. Total billig

Ja, beides stimmt. Denn es gibt sehr teure Gelbfärbungen und sehr günstige. Ein mit Safran gefärbter Stoff war wohl für die meisten absolut unbezahlbar, Reseda oder Ginster aber gut verfügbar und erschwinglich.

3. nur für Prostituierte
4. nur für Adelige –> einmal hier lang bitte

 

Die Bundhaube war im 13. Jahrhundert für Männer Pflicht!

Die Bundhaube ist ein damals wie heute beliebtes und nützliches Accessoire. Sie ist aber keineswegs Pflicht. Dennoch hat sich dieser Mythos so sehr in der „Mittelalterszene“ etabliert, dass sie teilweise sogar unter so prunkvollen Kopfbedeckungen wie Kronen o.ä. getragen wird.

Oft wird dieser Mythos auch dahingehend ausgeweitet, dass angeblich nicht nur das Tragen der Bundhaube Pflicht war, sondern generell des Bedecken des Hauptes, ähnlich wie bei den Frauen. War es für verheiratete Frauen (und jene jenseits des heiratsfähigen Alters) tatsächlich „obligatorisch“ das Haar zu bedecken, war dies bei Männern offensichtlich nicht der Fall.

Es finden sich zahlreiche Abbildungen von Männern jeden Alters und Standes ohne Kopfbedeckung, bzw. mit einer Kopfbedeckung unter der definitiv keine Bundhaube getragen wird. Falls ihr euch selbst davon überzeugen wollt, könnt ihr euch unsere Sammlung von Abbildungen von Männern mit bloßem Haar ansehen:
https://www.pinterest.de/…/13th-century-men-without-coifs-…/

Doch was ist nun mit der Bundhaube? Kann man sie also getrost ignorieren?
Nein, natürlich nicht! Selbstverständlich wurde die Bundhaube im 13. Jahrhundert dennoch sehr gerne getragen. Bei der Betrachtung von Abbildungen mit Bundhaubenträgern fällt jedoch schnell auf, dass diese vor allem bei schwerer und/oder schmutziger Arbeit getragen wurden. Dies hat natürlich einen ganz einfachen Grund: Die Bundhaube schützt das Haar vor Schmutz und Staub und hilft dabei, es sauber zu halten. Dazu kommt, dass man nur wenig Material dafür benötigt, sie leicht zu nähen ist und zudem einfach gewaschen werden kann. Abbildungen von Männern mit Bundhaube findet ihr hier:
https://www.pinterest.de/sororeshistori…/13th-century-coifs/

Also, was muss nun beachtet werden?
1. Männer können mit oder ohne Kopfbedeckung gehen. Allerdings ist auch bei ihnen die Kopfbedeckung ein Zeichen des Standes und sollte diesem entsprechen.
2. Bei arbeitenden Männern sind Bundhauben von Vorteil und passend.
3. Bei Adeligen und Herrschern ist eine Bundhaube nicht nötig und passend.
4. Wenn eine BUNDhaube getragen wird, gehört diese selbstverständlich zugeBUNDEN. 🙂

PS: Ein viel entscheidenderes Detail welches gerne vernachlässigt wird, aber auch bei unseren Beispielfotos gut zu sehen ist: Die passende Frisur. Denn den schönen „Topfschnitt“ den man im 13. Jahrhundert gerne trug sucht man bei fast allen Darstellern vergeblich. 😉

 

Im Mittelalter wurden die Menschen nicht älter als 40 Jahre. Wer ein Alter jenseits der 50 erreichte galt als steinalt.

Dies ist so eine Aussage, die sich aus einer falschen Interpretation von Zahlen ergibt. Generell ist es schwierig, verlässliche Quellen über das tatsächliche Alter der Menschen im Mittelalter zu sammeln, denn es gab noch keine Geburts- und Sterberegister. Diese kommen erst mit dem ausgehenden Mittelalter auf und können uns deswegen keine Angaben über das durchschnittliche Lebensalter vor dem späten 15. Jahrhundert liefern.

Dennoch kennen wir Lebensdaten von bekannten Personen und können hieraus folgern, wie alt diese wurden. So wurde Walther von der Vogelweide in etwa 60, Eleonore von Aquitanien sogar über 80.
Allerdings gibt es natürlich auch zahlreiche Beispiele von Nachkommen, welche bereits im Kindesalter verstarben.

Und dort liegt auch schon die Krux – denn die geringe Lebenserwartung (welche eben häufig mit etwa 40 Jahren angegeben wird) rührt nicht etwa daher, dass die Menschen sozusagen im Zeitraffer alterten und mit 20 Jahren so aussahen, wie die Menschen heute mit 40 Jahren. Es liegt daran, dass beispielsweise eine hohe Kindersterblichkeit das Durchschnittsalter drastisch senkt.

Wurde also Beispielsweise ein Bauer 70 Jahre alt, sein Sohn starb aber mit 10, so ist die durchschnittliche Lebenserwartung der beiden 40 Jahre. (70+10= 80, 80/2=40)
Wurde ein anderer Bauer 100, seine drei Kinder verstarben aber alle im Alter in von 4 Jahren, so ist ihre durchschnittliche Lebenserwartung 28 Jahre.
Die meisten Leute, die der Kindheit entwuchsen hatten aber eine gute Chance ein Alter jenseits der 60 oder 70 zu erreichen.

Das heißt natürlich nicht zwangsweise, dass alle Menschen, die das Kindesalter überschritten auch automatisch steinalt wurden. Natürlich starben auch Leute schonmal mit 30 oder 40. Allerdings dann in den meisten Fällen nicht, weil sie zu alt waren, sondern durch Krankheiten, Verletzungen, Hungersnöten, Krieg oder ähnliches.

Weiterhin war es so, dass gerade in den Städten oft eine sehr lange Ausbildungszeit im Handwerk vorgesehen waren. Kaum ein Handwerker konnte seine Meisterausbildung in einem Alter unter 30 Jahren abschließen. Häufig wurde auch erst mit Abschluss der Ausbildung geheiratet, bei Männern als auch bei Frauen. So liegt zum Beispiel in Köln das durchschnittliche Heiratsalter im Hochmittelalter bei 18-20 bei Frauen und bei etwa 25 bei Männern.
Wären diese alle mit etwa 40 Jahren an Altersschwäche gestorben, so hätten sie Schwierigkeiten gehabt, noch eine Familie zu gründen bzw. für deren Überleben zu sorgen.

Dazu kommt noch, dass die genaue Zeit und der gesellschaftliche Stand eine erhebliche Rolle für das zu erreichende Alter spielte. Zu Zeiten von Hungersnöten und Epidemien sank die Lebenserwartung natürlich drastisch. In Zeiten von mildem Klima und allgemeinem Wohlstand stieg sie.
Zudem hat ein stets gut genährtes und wohlumsorgtes Kind wesentlich geringere Chancen schwer zu erkranken, bzw. bessere Chancen eine Krankheit zu überleben. Ein chronisch unterernährtes Kind ist natürlich wesentlich eher dazu prädestiniert an einer Erkrankung zu versterben.
Dies führt außerdem dazu, dass die Lebenserwartung der Menschen nicht als linear ansteigend gesehen werden kann. Die Lebenserwartung im 13. Jahrhundert kann daher höher sein als die im 14. Jahrhundert. Die Lebenserwartung in Deutschland kann daher höher sein als die in England. (Dies sind willkürlich gewählte Beispiele. 🙂 )

Wir sehen also, es gibt viele Faktoren, die das Alter eines Menschen beeinflussen konnten. Fakt ist, dass die Menschen nicht im Alter von 40 schon greis waren und durchaus alt werden konnten. Fakt ist aber auch, dass es mehr oder gravierendere Faktoren gab als heute, die zu einem frühem Tod führen konnten.

Weiterführende Literatur zum Thema

  • Lexikon des Mittelalters – DTV Verlag
  • Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit – Trude Ehlert
  •  Kindheit im Mittelalter – Shulamith Shahar

Im Mittelalter wurden die Menschen nur 1,40 Meter bis 1,50 Meter groß.

„Meine Uroma ging mir ja auch nur bis zum Ellbogen.“ „Die Fenster und Türen sind ja so klein.“ „Die Rüstung da aus dem Museum neulich war auch nur 1,50 Meter groß.“

Solche und andere Aussagen werden oft getätigt, um zu beweisen, dass die Menschen im Mittelalter nur etwa 1,50 Meter groß wurden. Denn wenn die Oma schon kleiner war als man selbst, dann muss ihre Oma ja noch kleiner gewesen sein und deren Oma noch kleiner und so weiter, oder?

Natürlich ist dem nicht so. Die Körpergröße, die ein Mensch erreichen kann wird zum einen durch die Genetik bestimmt und zum anderen durch die von äußeren Einflüssen bestimmte körperliche Entwicklung wie bsp. Ernährung oder Krankheit.

Genetik und Evolutionsbiologie zeigen, dass selbst minimale Veränderungen im menschlichen Genom lange und weitreichende Zeiträume benötigen bis sie sich als dominantes allgemeines Merkmal durchsetzen, also auf den sogenannten Phäntotypen des Menschen in der Allgemeinheit auswirken. Von daher ist genau so auszuschließen, dass die Menschen genetisch gesehen eine Veranlagung zu einer geringeren Körpergröße hatten, wie zu einem geringeren genetischen Alter. Die Körpergröße wird zu etwa 80% durch das Erbgut bestimmt.

Natürlich gibt es aber dennoch Faktoren, die die tatsächliche Körpergröße maßgeblich beeinflussen können. Dazu gehören zum Beispiel Mangel- oder einseitige Ernährung in der Kindheit. Auch heute noch erreichen Kinder aus sozial schwächeren Schichten häufig eine geringere Körpergröße als Kinder aus sozial starken Schichten. Entscheidend für eine volle Ausbildung der Körpergröße ist eine proteinreiche Ernährung (zum Beispiel Milch) zur Bildung von Antikörpern und somit sich ergebenden Schutz vor Krankheiten, sowie einer guten Versorgung mit Kalzium zum Knochenaufbau. Das Auftreten schwerer Krankheiten kann einen weiteren negativen Effekt auf die Entwicklung der Körpergröße haben. So wurden die Menschen zur Zeit von Mangelernährung –
zum Beispiel durch Hungersnöte oder Pandemien – oder zu Zeiten von starken klimatischen oder demografischen Veränderungen häufig kleiner als zu Zeiten allgemeinen Wohlstandes.

Doch wie groß wurden die Menschen nun im 13. Jahrhundert?
Wie immer ist es schwierig, flächendeckende Informationen zu sammeln, denn es gab im Mittelalter noch keine Statistiken, die die Körpergröße der Bevölkerung erfasste. Dennoch können wir aus archäologischen Knochenfunden Rückschlüsse ziehen. Insbesondere die Länge des Oberschenkelknochens lässt aufgrund eines Vergleichs der Proportion der zugehörigen Skelettfunde auf die Gesamtkörpergröße schließen.

So wurden Skelette aus verschiedenen Gräberfeldern untersucht und deren durchschnittliche Körpergröße errechnet. Hierzu gehören zum Beispiel die Skelette auf dem Friedhof des Ilhower Zisterzienserklosters, die vom frühen 13. bis zum frühen 16. Jahrhundert dort bestattet wurden. Die Männer wurden im Schnitt etwa 1,72 Meter groß, die Frauen etwa 1,64 Meter. Auch auf dem Friedhof des Klosters Barthe in Ostfriesland kam man zu ähnlichen Ergebnissen. Die Männer waren etwa 1,75 Meter groß, die Frauen etwa, 1,65 Meter.
Generell kann man sagen, dass Durchschnittgrößen im Gräberfeldern des Mittelalters häufig zwischen 1,60 Meter und 1,75 liegen.
Richard Steckel, ein renommierter Anthropologe der University of Ohio, gibt in seinen Untersuchungen durchschnittliche Körpergrößen von 1,73 Meter im Frühmittelalter an, welche bis zum 18. Jahrhundert auf 1,67 Meter absinken. Er nennt als Faktoren für das Absinken insbesondere im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit klimatische Bedingungen, Urbanisierung, internationalen Handel und damit Verbunden die Ausbreitung von Krankheiten und größere kriegerische Auseinandersetzungen. Den nachfolgenden Anstieg ab dem 18. Jahrhundert sieht er im besonderen Zusammenhang zur verbesserten Ernährungssituation durch technischen Fortschritt in der Landwirtschaft.

Im Vergleich dazu werden die Männer in Deutschland heute etwa 1,80 Meter und die Frauen etwa 1,66 Meter groß.

Wir sehen also, dass die Menschen im Mittelalter im Durchschnitt nur geringfügig kleiner waren als heute. Sie waren insbesondere keine winzigen Miniaturmenschen oder Zwerge. Die Durchschnittsgröße in Portugal liegt noch heute in etwa bei 1,73 Meter bei Männern und 1,63 Metern bei Frauen, die wir ja auch nicht als zwergenhaft wahrnehmen.

Weitere Informationen und Quellen findet ihr hier
Das Ihlower Zisterzienserkloster: Beten, Arbeiten und heilsames Leben im Mittelalter! – Eine anthropologische Untersuchung – Dissertation von Melanie Timmermann (FU Berlin)

The Biological Standard of Living in Europe During the Last Two Millennia from Nikola Koepke and Joerg Baten (Universität Tübingen)

Medieval Stature: The Human Skeletal Record of Life and Living, A.D.800-1500 from Richard Steckel

3 Gedanken zu “Mythbuster – Populäre Mythen des Mittelalters aufgeklärt

  1. Nicole schreibt:

    Sehr schöne Übersicht. Beim Lebensalter solltet ihr ergänzen, dass Männer eine höhere Lebenserwartung hatten (wenn sie erstmal die kritischen ersten Jahre hinter sich hatten) als Frauen. Die starben sehr häufig während ihrer fruchtbaren Zeit, durch Komplikationen bei Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Auch das senkt das Durchschnittsalter massiv.

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  2. kasukiswelt schreibt:

    Einer der schönsten Sätze, die ich auf einem Mittelaltermarkt mal von einem Besucher hörte: Ach, und ich dachte immer, damals haben alle nur Grau getragen. Ihr habt ja alle so schöne bunte Sachen an!
    Das ist an diesem Hobby eines der schönsten Aspekte: Den Menschen zeigen, dass das Mittelalter gar nicht so dunkel war, wie viele glauben.
    Danke für den tollen Text, gerne noch mehr Mythen entzaubern!

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