Erfahrungsbericht: Andersrum wird ein Schuh draus

Vor einiger Zeit haben wir uns an etwas ganz Neues gewagt, etwas, das wir vorher noch nie gemacht haben: Schuhe selber bauen! In diesem Beitrag werden wir unsere Erfahrungen damit beschreiben und Euch Tipps geben, wie ihr es auch machen könnt.

Schuhe sind wohl eines der am meisten diskutierten Themen für historische Darsteller und solche die es werden wollen. Dabei sind nichtmal Modell oder Lederart die am meisten hinterfragten Punkte, sondern eher Machart und Preis.

In Pakistan mit Synthetikgarn genähte und mit genagelter Sohle versehene Schuhe, die auf den ersten Blick der Optik entsprechen für 90 Euro oder doch das absolut historisch korrekt gefertigte Luxusmodell vom bekannten Szene-Schuhmacher für 400 Euro?

Gummisohle, Rückenprobleme, nasse Füße, ausrutschen? Dies alles sind Sorgen und Probleme, die Einsteiger mit historisch gefertigten Wendeschuhen haben.

Doch für uns kommt natürlich nur noch eines in Frage: der korrekte Wendeschuh, genäht nach historischem Vorbild. Keine Nägel, keine Gummisohle, keine Kompromisse.

Doch woher nehmen wenn nicht stehlen? Ganz einfach zu machen ist so ein Schuhschnittmuster ja auch nicht. Mit Leder haben wir zwar erste Erfahrungen sammeln können, aber gleich einen ganzen Schuh machen…?

Kaufen, bzw. fertigen lassen geht auch, aber auch, wenn es Schuhmacher gibt, die einem einen korrekten Wendeschuh für unter 200 Euro fertigen, geht das auf Dauer doch ins Geld.

Der Schuh-Bausatz

Also: Learning by doing war angesagt. Dafür haben wir uns einen Schuh-Bausatz bei Meister Knieriem bestellt. Zugegeben, der ist schon nicht ganz günstig, liefert aber dafür alles, was man braucht, vom Schuh an sich, über Nadeln, Garn, Ahle bis hin zum Pech, den Leisten und sogar Öl um die Schuhe nachher einzufetten. Dabei ist natürlich auch eine Anleitung und eine Anleitungs-DVD.

Das Nähen des Schaftes

Die Fersenverstärkung

Los geht es ganz einfach. Zuerst wird die Fersenverstärkung mit einem Überwendstich auf der Rückseite des Schuhs festgenäht. Das ist nicht schwer, denn die Verstärkung ist schon vormontiert und muss lediglich noch genäht werden. Dazu sticht man mit der Ahle durch das Leder der Fersenverstärkung und dann noch einmal durch das halbe Leder des Schafts.

Das empfand ich leichter als gedacht. Man muss zwar ein bisschen ein Gefühl für die Dicke des Leders bekommen und am Anfang habe ich öfters eher zu flach eingestochen, doch man merkt schnell, wie weit man stechen muss.

Das Zusammennähen des Schaftes

Laut Anleitung wird der Schaft dann bereits zusammen genäht. Das geht auch, ich würde allerdings, wenn ich es nochmal machen würde, erst die Schnürriemen und die Schnürlasche annähen.

Der Schaft wird mit einer Stoßnaht und dem Sattlerstich geschlossen. Dies ist auch alles gut und ausreichend in Anleitung und DVD erklärt, wobei ich die Anleitung teilweise sehr kompliziert geschrieben finde und es auf der DVD wesentlich verständlicher erklärt wird.

Hier muss ich sagen, dass ich besser auf Meister Knieriem hätte hören sollen. Sowohl in der Anleitung als auf der DVD betont er öfters, dass man das Leder immer gut feucht halten soll, da es so viel leichter zu nähen ist. Ich habe aber nur die Nahtstellen feucht gehalten und diese immer nur oberflächlich betupft. Das war definitv nicht genug. Nachdem ich den ersten Schaft zusammengenäht habe (was eine ziemliche Frimmelei war), habe ich den zweiten Schaft erst komplett „eingeweicht“ und siehe da, es ging gleich viel leichter.

Was mir allerdings größere Probleme bereitet hat, als das Durchstoßen des Leders war das Nähen mit den mitgelieferten Borsten. Nachdem ich bereits beim Nähen der Fersenverstärkung zwei von ihnen kaputt gemacht habe (die sind einfach nach einiger Zeit aufgespleisst) habe ich es beim Zusammennähen des Schaftes aufgegeben und einfach zwei normale Stopfnadeln zum Nähen benutzt. Die Schichten haben sich einfach zu oft gegeneinander verschoben und mit den dünnen Borsten war kein Durchkommen. Mit den Stopfnadeln hat es dann aber prima geklappt.

Ein zweites Problem, dass sich mir auftat, war die Anleitung um das mitgelieferte Garn zu dickeren Drähten zu verzwirnen. Es wird im Film nicht gezeigt und der Text in der Anleitung war für mich einfach unverständlich. Auch nach einer Suche im Internet bin ich nicht zu einer Anleitung gelangt, die mir erklärt hätte, was hier von mir gefordert ist. (Natürlich weiß ich, wie man Garn verzwirnt, ich bin mir aber ob der Anleitung nicht sicher, ob die herkömmliche Methode hier verlangt war.)

Deswegen habe ich mir noch dickeres, bereits verzwirntes Garn besorgt, dass zum Nähen von Leder geeignet ist.

Die Schnürlasche

Nun kam der Teil, an dem ich fast verzweifelt bin: Das Anbringen der Schnürlasche. Erst einmal habe ich es falsch verstanden und das Ganze komplett falsch angenäht. Das habe ich dann gemerkt, weil die Schnürlasche den Schlitz vorne so nicht geschlossen hat.

Dann habe ich die Anleitung und die DVD nochmal zurate gezogen und dann gar nichts mehr verstanden. Die Anleitung war für mich leider (wie die Anleitung für das Verzwirnen des Garns) komplett unverständlich. Ich konnte daraus einfach nicht Ableiten, was ich tun musste um es zu richten. Auch das mitgelieferte Papiermuster konnte mir nicht weiterhelfen.

Auch der Film hat mir nur bedingt geholfen, weil die Teile irgendwie anders aussahen und die im Film benutzte Stoßnaht auch nicht möglich war, da das Leder an der Stelle, wo es im Film vernäht wird im Vorfeld ausgedünnt wurde und somit nicht mehr genug Material da war, um es mit der Ahle nur halb zu durchstoßen.

Ich habe also hin und her probiert und bin irgendwann zu der Vermutung gekommen, dass die Schnürlaschen falsch beschriftet sind, und somit die Linke eigentlich auf den rechten Schuh gehört und umgekehrt. Ich bin mir nicht sicher, ob das der Fehler war, allerdings habe ich das Teil am Schaft festgesteckt und ausprobiert, ob es so den Schlitz schließen würde, und voilà, so sah es dann auf einmal richtig aus. Ich habe dann also die linke Schnürlasche auf den rechten Schuh genäht, und zwar nicht mit einer Stoßnaht, sondern mit einer Applikennaht.

Der Verschluss

Dann mussten nur noch die Schnürbänder angebracht werden, welche ich ebenfalls mit einer Applikennaht befestigt habe. Kleiner Tipp: Die Schlitze, durch welche die Bänder geführt werden, einfach mit der Ahle aufhalten, so geht es noch einfacher sie durchzuziehen.

Das Zwicken

Jetzt musste also „nur noch“ der Schaft auf die Sohle genäht werden. Dazu wird der Schaft erst einmal mit Nägeln auf die Sohle (und den darunterliegenden Leisten) „gezwickt“.

Das ist auch gar nicht so schwer wie man denkt, wenn man Meister Knieriems oberste Regel beachtet und alles schön nass macht. Meinen ersten Zwick-Versuch habe ich nämlich im trockenen Zustand gestartet und das Leder ist dann viel zu steif. Macht man es schön nass ist es allerdings recht einfach.

Zuerst wird der Randstreifen aufgezwickt. Dies ist in der DVD nicht erklärt, aber glücklicherweise haben mir hier Erfahrungsberichte von Anderen weitergeholfen, wie zum Beispiel von Gerda von dem Blog Die Handmaid.

Also: Randstreifen gut nass machen und nach und nach auf den Leisten nageln.

Dann wird der Schaft aufgenagelt. Dazu zieht man jeweils den Nagel vom Randstreifen wieder heraus und nagelt Schaft und Streifen zusammen fest. Das geht wirklich recht gut, wenn man nur genug Kraft aufbringt um die Nägel einzuhämmern und nicht so viel Angst hat wie ich, sich auf die Finger zu hauen.

Das Annähen der Sohle

Man könnte nun meinen, dass der Schuh so gut wie fertig ist. Aber die Sohle anzunähen ist nochmal ein gutes Stück Arbeit, welches aber nach und nach immer leichter von der Hand geht.

Hier hat sich allerdings erneut ein Problem für mich aufgetan: Im Bausatz werden zwei Ahlen mitgeliefert, eine Dünnere, um das Oberleder zu verarbeiten und eine dickere, mit der der Schaft auf die Sohle genäht wird. Ich habe also, wie in Anleitung und Video beschrieben, die dickere Ahle genutzt, um Oberleder und Sohle zu durchstechen.

Dies war extrem schwierig. Da die Ahle so dick (und nicht so spitz) ist, braucht man sehr viel Kraft, um die drei Lederschichten zu durchbohren. Außerdem ist die Ahle sehr lang und dadurch schwieriger zu steuern, insbesondere, wenn man so kleine Hände hat wie ich.

Richtige Probleme habe ich dann an der Schuhspitze bekommen. Da hier die Inneren Stichkanäle sehr eng aneinander laufen, habe ich mehrfach versehentlich mit der Ahle die Stichkanäle aufgerissen, so dass das Sohlenleder hier ganz schön gelitten hat. Hier habe ich dann endlich frustriert die dicke Ahle beseitige gelegt und wieder die dünne eingesetzt, und siehe da, auf einmal kam ich wesentlich leichter durchs Leder und habe keinen einzigen Stichkanal mehr aufgerissen.

So habe ich es dann auch geschafft, noch einmal etwas tiefer ins Sohlenleder an der Spitze zu stechen und so den Schaft dort auch ordentlich festnähen zu können. Ob es hält wird sich wohl erst im Praxistest erweisen.

Nachdem ich die Ahle getauscht hatte, kam ich wesentlich besser voran. Zum Nähen habe ich hier übrigens gebogene Ledernadeln verwendet, da die geraden nicht durch den gekrümmten Stichkanal kommen. Für das nächste Paar Schuhe würde ich mir vielleicht ein paar stabilere Borsten kaufen, da es natürlich leichter ist, mit der biegsamen Borste durch den gekrümmten Stichkanal zu stechen.

Jetzt kam nur noch das Wenden. Davon habe ich schon viel gehört, dass es schwer sein soll und lange dauert. Dies kann ich aber nicht bestätigen. Ich habe nochmal den kompletten Schuh nass gemacht, den Leisten herausgezogen und dann von der Ferse her angefangen ihn zu wenden. Das erste Stück ging recht leicht. Etwas schwieriger wurde es am Ballenbereich, da dort der Schuh am breitesten ist. Da ich ein wenig Angst hatte, die etwas misslungene Schuhspitze aufzureissen, wenn ich einen Kochlöffel oder ähnliches zum Wenden hinzunehme, habe ich einfach von beiden Seiten das Leder immer weiter mit den Händen von Innen nach Außen gedrückt. Nach maximal fünf Minuten war ich damit fertig.

Und siehe da: Es sieht wirklich aus wie ein richtiger Schuh! Der Randstreifen steht vielleicht etwas weit über, aber gegebenenfalls kann ich diesen noch kürzen. Die Schnürlasche deckt nun auch gut den Schlitz im Schaft ab. Und ich habe auch nicht durch die Sohle durchgestoßen. Dazu muss ich aber sagen, dass ich da auch keine Unsicherheit verspürt habe, und schnell das Gefühl hatte, ein Gespür für das Material zu bekommen.

Lediglich ein kleiner Fehler ist mit passiert: An der Ferse habe ich den Randstreifen wohl nicht weit genug unter den Schaft geschoben, bzw. zu nah am Rand des Schaftes eingestochen, denn dort habe ich ca 2-3 Meter des Randstreifens nicht mit vernäht. Hier werde ich diesen wohl leider abschneiden müssen, finde das aber nicht so schlimm, da es beim Tragen wahrscheinlich eh kaum auffallen wird.

Fazit:

Ist der Bausatz für Anfänger geeignet?

Klares Jein. Im Grunde sind die Techniken alle nicht schwer, vor allem, wenn man schon etwas Nährerfahrung hat. Aber Leder ist eben doch ein anderes Material als Stoff und man muss sich erst ein wenig daran gewöhnen. Außerdem ist die Anleitung teilweise wirklich schwer verständlich geschrieben. Der Film erklärt alles eigentlich aber ganz gut. Ich denke es ist für Leute mit ein wenig Näherfahrung und handwerklichem Geschick durchaus machbar, für absolute Handarbeits- bzw. Handwerksanfänger würde ich es aber nicht empfehlen.

Ist das Schuhmaterial gut?

Das Leder ist absolut top. Wunderbar weich, dabei trotzdem fest. Es sieht wirklich toll aus und fühlt sich gut an.

Wie ist das Werkzeug? Muss man noch etwas dazu kaufen?

Das Werkzeug ist okay. Mit der großen mitgelieferten Ahle kam ich, wie oben beschrieben, nicht zurecht. Die Kleine war in Ordnung. Vielleicht wäre es mit einer spitzeren Ahle noch einfacher. Das Garn ist auch okay, allerdings ist es etwas aufwendig es selbst zu verzwirnen. Die Borsten finde ich leider nicht so gut, die sind schnell kaputt gegangen und haben sich leicht verbogen. Hier empfehle ich in etwas Besseres zu investieren.

Wie ist das Preis-Leistungsverhältnis?

Der Bausatz ist schon teuer. Unserer hat knapp 170 Euro gekostet, dafür bekommt man bei anderen Schuhmachern schon fertige wendegenähte Schuhe. Aber man erhält ja auch das ganze Material und Zubehör, um die Schuhe zu fertigen. Der Vorteil dabei ist natürlich, dass man das Schnittmuster kopieren kann, und somit ein weiteres paar Schuhe einfach nochmal nähen kann. Die Materialkosten hierfür belaufen sich dann nur noch auf 20-30 Euro. Dies haben wir auch so gemacht und können nun sehr kostengünstig ein paar Ersatzschuhe fertigen.

Würdet ihr den Bausatz weiterempfehlen?

Hier auch wieder ein klares Jein. Es ist wie gesagt machbar, der Schuh der herauskommt sieht top aus. Das Ausmessen der Füße und das Zuschneiden des Leder entfällt, was eine große Erleichterung ist und man somit relativ sicher sein kann, dass der Schuh am Ende passt. Aber es ist recht viel Geld, das man investieren muss und wenn man keine handwerkliche Erfahrung hat nicht ganz einfach.

Ich würde vermutlich nicht noch einen Bausatz kaufen, sondern lieber erstmal die Methode von Forachheim ausprobieren (ein Post in dem wir die beiden Methoden vergleichen folgt).

Dennoch hat es sich gelohnt, denn das Endergebnis der Schuhe gefällt mir sehr gut.

2 Gedanken zu “Erfahrungsbericht: Andersrum wird ein Schuh draus

  1. argilrien schreibt:

    Hallo! Ich habe eine Frage zum Thema Lederschuhe als ein Anfänger in diesem Bereich. Ich habe mir dieses Jahr ein Paar geleistet (allerdings mit genagelter Sohle) und habe Angst, dass Kies, der ja relativ oft bei Burganlagen und sonst überall zu finden ist, meine Ledersohlen zerstört. Sind meine Bedenken in dieser Hinsicht falsch? Mein Freund hat mir deshalb auch schon ein Paar Trippen gemacht, aber die sind noch geringfügig verbesserungswürdig. LG

    Gefällt mir

    • sororeshistoriae schreibt:

      Hi,

      Mach dir da mal keine Sorgen. Gerade die Schuhe mit der genagelten Sohle sind so stabil, dass sie die paar Tage im Jahr locker überstehen. Wichtig ist es nur, dass man die Schuhe nach jeder Nutzung sorgfältig pflegt, also das Oberleder fettet und die Sohle, je nach Empfehlung des Herstellers ölt oder ebenfalls fettet. Trippen sind auf jeden Fall eine gute Alternative, um die Schuhe noch besser zu schützen.
      Ich habe auch eine Zeit lang Schuhe mit genagelter Sohle getragen, und diese haben 2 Saisons sehr gut überstanden.
      Allerdings sind auch Wendeschuhe nicht so empfindlich, wie oft behauptet wird. Auch mit meinen Wendeschuhen bin ich schon öfters über Kies oder Teer gelaufen und die Sohle hat noch kaum gelitten.

      Liebe Grüße,
      Laura von Sorores Historiae

      Gefällt 1 Person

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