Methoden zur Analyse mittelalterlicher Manuskripte und Illuminationen

Die korrekte historische Darstellung des ausgehenden 13. Jahrhunderts in seiner vielfältigen Sach- und Lebenskultur bedarf, wie ihr aus bisherigen Veröffentlichungen unserer Gruppe herauslesen könnt, einer intensiven Recherche und Quellenbetrachtung historischer Funde von beispielsweise Kleidung, bildlichen und schriftlichen Darstellungen und sonstigen Kunstgegenständen sowie Sach-Nutzgütern.
Insbesondere für meine Darstellung eines hochmittelalterlichen Scriptoriums, die Betrachtung und nähere Untersuchung mittelalterlichen Handschriften, Manussripte und ihrer Illuminationen. Hierbei sind natürlich nicht nur der gesellschaftliche Rahmen in dem diese Arbeiten standen und ihr künstlerischer Wert von Bedeutung, sondern auch ihre Herstellung und die dabei verwendeten Materialen.
Von Papyrus über Pergament bis hin zu der Verwendung von Papier, Federkielen, Pinseln Tinten und Pigmenten ist die Buchmalerei ein extrem vielseitiges und bedeutsames Thema der damaligen Zeit und bis heute gelten Exemplare mittelalterlicher Codexe und Handschriften als besonders wertvolle und faszinierende Kunstwerke. Da insbesondere die Kunst einen Spiegel der Kultur und ihrer Werte darstellt wird deutlich wie wichtig die Betrachtung von Kunstgegenständen aus dem Mittelalter für die Darstellung unserer Gruppe und des Scriptoriums ist.

Im folgenden Beitrag möchte ich euch zunächst in einfachen Worten und Erklärungen die heutzutage genutzten Techniken der chemischen und physikalisch-chemischen Analysen von mittelalterlichen Schriften erläutern, die uns wertvolle Ruckschlüsse auf verwendete Materialien der Buchmalerei geben und somit zu einer möglichst korrekten und detailgetreuen Darstellung eines Scriptoriums beitragen. Hierbei ist anzumerken, dass die erläuterten Techniken nicht nur bei der Analyse von Schriften zum Einsatz kommen, sondern ebenfalls bei Funden von Textilien, Waffen und Gebrauchs- und Einrichtungsgegenständen eingesetzt werden und zum festen und unverzichtbaren Bestandteil moderner Archäologie geworden sind.Dennoch soll nicht der Eindruck entstehen, dass chemische Analyse die generelle Bedeutung von Funden auf die in ihr enthaltenen Materialen reduzieren soll. Erst ihre Gesamtbetrachtung in einem historischen, symbolischen, regionalem und funktionellen  Kontext lässt uns ihre Bedeutung in ihrer Zeit erkennen.

 

Herausforderungen der Analyse bildlicher Darstellungen und Manuskripte
Die Analyse der Funde soll über eine Vielzahl an Aspekten möglichst genaue Rückschlüsse zulassen. Hierzu zählen

 

  • Die genaue Herkunft und das Alter des Fundes sowie der verwendeten Materialien (beispielsweise Fabpigmente und Bindematerialien)
  • Ihre Einordnung zu bekannten Kunstrichtungen und Darstellungsweisen der damaligen Zeit und ihrer regionalen Ausbreitung
  • Die Anfertigungstechniken und Handhabung des Manuskriptes
  • Die Anzahl der Verfasser
  • Mögliche frühere Nachbearbeitungen/Restorationen des Fundes
Gemäß des Alters der Funde und der damit verbundenen Zersetzung und somit Veränderung der Materialien ist es eine besondere Herausforderung die Funde so zu untersuchen, dass sie nicht weiteren Schaden nehmen. Dies beinhaltet erstens, dass die Zeit einer Untersuchung der Funde meist limitiert ist, da sie meist in sauerstoffarmer und versiegelter Atmosphäre verschlossen verwahrt sind. Eine lange dauernde Untersuchung ist somit bereits erschwert und nicht empfehlenswert, um den Fund zu erhalten. Zweitens ist ein Erkenntnisgewinn über die Materialen in der Vergangenheit meist nur über sogenannte invasive Methoden möglich gewesen. Dies bedeutet, dass Teile des Fundes, beispielsweise Schichten von Pigmenten und Pergament abgekratzt, also aus dem Fund entfernt werden mussten, um diese näher in Laboratorien zu analysieren. Dies ist auch heutzutage noch eine gängige Methode, da die dadurch gewonnen Erkenntnisse sehr tiefgehend und zahlreich sind. Der große Nachteil dieser Vorgehensweise besteht natürlich darin, dass der Fund an sich verändert wird, da Teile ihrer Oberflächen entfernt werden und somit nicht vollständig erhalten werden kann. Im Gegensatz dazu stehen die nicht-invasiven und somit zerstörungsfreien Analysemethoden, die eine Betrachtung des Fundes ohne Entnahme von Analyseproben ermöglichen. Hierzu zählen folgende Techniken:

 

Lichtmikroskopie

 

Diese Technik erlaubt eine Betrachtung der Objektoberfläche mit bis zu 1000 facher Vergrößerung unseres gewöhnlichen Sehvermögens mittels der Kombination verschiedener Linsen. Somit ist eine nahe Betrachtung von Farbschichten ermöglicht. Eine Weiterentwicklung ist das Videomikrokop, welches die Oberfläche aus verschiedenen Perspektiven durchführt und somit ein dreidimensionales Bild der Oberfläche gewonnen wird.

 

Bandpassfilter-Reflektografie

 

Hierzu wird das Objekt mit Licht unterschiedlicher Wellenlänge beleuchtet. Hierzu zählen der Wellenlängenbereich des sichtbaren Lichts, der ultraviolete Bereich und der Infrarotbereich. Das eingestrahlte Licht wird vom verwendeten Material je nach Zusammensetzung unterschiedlich absorbiert, also aufgenommen. Dieser Absorptionsbereich lässt sich genau bestimmen und ein Spektrum wird erstellt. Bekannte chemische Materialien werden gleichfalls mit diesen Lichtarten bestrahlt und die aufgenommene Lichtmenge mit der des Fundes verglichen. Somit lassen sich Rückschlusse auf deren chemische Zusammensetzung schließen. Insbesondere durch den Infrarotbreich lassen sich auch Erkenntnisse über die unter der Oberfläche liegenden Schichten des Fundes gewinnen und somit nicht nur verwendete Pigmente sondern auch Maltechniken untersuchen. Der ultraviolette Bereich lässt oft erkennen, ob Oberflächen mit anderen Werkstoffen übermalt wurden und somit Restaurierungen und Nachbesserungen erkennen.

 

Röntgendiffraktometrie

 

Bei dieser Vorgehensweise wird das Objekt mit Röntgenstrahlen durchstrahlt. Diese werden je nach Art des enthaltenen Materials in unterschiedlichen Winkeln abgelenkt. Somit lassen sich bei Materialien dünner Schichtdicke verwendete Pigmente in Bindemittel, also Mischungen von Pigmenten und organischen Lösungen identifizieren.

 

Röntgenfluoreszenzanalyse

 

Hierbei wird der Fund gleichfalls mit Röntgenstrahlen bestrahlt. Gemessen wird hier jedoch nicht der veränderte Winkel wiederaustretender Röntgenstrahlen. Vielmehr werden hier die Materialien wie Pigmente durch die Bestrahlung energetisch angeregt und senden Fluoreszenz, also Licht bestimmter Wellenlänge, aus. Genau wie der Bereich absorbierten Lichtes gemessen werden knn, ist dies auch für die Art des emitierten Lichts in einem Spektrum möglich.Somit kann ein Rückschluss auf die chemischen Bestandteile getroffen werden.  Liegen jedoch viele Schichten von Farben und Farbmischungen vor, wird ein genauer Rückschluss auf die chemische Zusammensetzung erschwert.
Wie aus den beschriebenen Methoden zu erkennen ist, lassen sich endgültige Schlüsse und eine tiefgehende Analyse nur durch invasive Methoden gewinnen. Die Weiterentwicklung der Techniken erlaubt heutzutage jedoch, dass die Menge der Probe, die dem Fund entnommen werden muss, deutlich kleiner ist als noch vor einigen Jahrzehnten. Hierzu werden erstens die oben beschriebenen Techniken benutzt und dafür die entnommene Probe verschieden fein mit bsp. Lasern geschnitten, um milimeter und noch wesentlich dünnere Schichten getrennt zu unersuchen. Des Weiteren werden folgende Techniken genutzt:

 

Rasterelektronenmikroskopie

 

Hierzu wird die Oberfläche der entnommenen Probe im Vakuum mit einem gebündelten Elektronenstrahl abgetatstet und die dadurch emitierte Röntgenstrahlung welche charakteristisch für die chemischen Elemente der Probe sind. Diese Abtastung bedarf allerdings, dass die Probe vor Analyse mit einer ultradünnen Metallschicht, beispielsweise einer Goldschickt überzogen werden muss. Somit wird die Probe unwiderbringlich verändert/zerstört.

 

Fourier Transformations-Infraspktrometrie

 

Anorganische und organische Verbindungen der Probe werden chemisch, beispielsweise mit Lösungsmittel aufgetrennt und dann untersucht. Dazu wird Infrarotlicht auf diegetrennten Verbindungen gestrahlt welche gemäß ihrer elementaren Zusammensetzung dieses verschieden aufnehmen. Der Unterschied zur oben beschriebenen Bandpass Technik besteht darin, dass diese eine Analyse von Stoffen in Verbindung nur bedingt zulässt.

 

Raman Spektrometrie

 

Hierzu wird die Probe mit einem Laserstrahl beschossen, der de enthaltenen Materialien wiederum verschieden aufgenommen wird und somit sowie die Identifizierung anorganischer und organischer Materialien auch in Verbindung mit Bindemitteln ermöglicht.

 

Verwendete Pigmente

 

Die beschriebenen Techniken haben bereits eine Vielzahl verwendeter Pigmente entschlüsselt, die in der mittelalterlichen Buchmalerei eingesetzt wurden. Hierzu zählen weißes Blei, Gips, Azurit, Indigo, Malachit, Goethit, rotes Blei, Kupfer, Vermiculit und Eisengallustinte und viele weitere. In weiteren Beiträgen werde ich mich vorerst von der wissenschaftlichen Analyse entfernen und auf die Buchmalerei und Scriptorien im Allgemeinen und besondere Illuminationen und deren Bedeutung eingehen.

 

-Jens