Leinenzelte – Seid Ihr noch dicht?

Mythen und Wahrheiten über historische Zelte

Vor einiger Zeit haben wir uns Kegelzelte aus Leinen, die nach historischen Vorbildern gefertigt wurden, gekauft. Auch wenn städtische Bürger vermutlich nie oder so gut wie nie in ihrem Leben in so einem Zelt geschlafen haben, braucht man es ab und zu doch für Veranstaltungen.

Über diese Zelte wird viel geredet, sind sie doch bei einigen Leuten umstritten, ob der Dichtigkeit, Haltbarkeit und den Kosten. Warum es sich aber dennoch lohnt und warum sie für eine historische Darstellung notwendig sind, erklären wir in unserem Blogpost.

Leinenzelte sind nicht dicht

Doch Leinenzelte sind dicht, wir haben es selbst (bei starkem Regen) getestet. Leinen hat zwei Eigenschaften, die es optimal als Zeltstoff machen: 1. quillt es sehr gut und 2. verteilt es die Feuchtigkeit im Gewebe und lässt sie nicht (anders als zum Beispiel bei Wolle)  nach unten sacken.

Das heißt, wenn es anfängt zu regnen, saugen die Fasern sich mit dem Wasser voll und leiten das Wasser durch das gesamte Gewebe, sodass die sie gleichmässig aufquellen. Durch das Aufquellen dehnt sich der Stoff stark aus und wird so dick, dass kein Tropfen mehr durchkommt. Deswegen kann es sein, dass bei Beginn des Regens, wenn das Leinen noch nicht ganz vollgesaugt ist, einzelne Tröpfchen durch den Stoff durchdringen. Dies ist aber selbst bei starken Regen sehr wenig und führt in keiner Weise dazu, dass irgendetwas im Zelt nass wird.

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Eine Besonderheit solltet ihr daher beim Aufbau der Zelte unbedingt beachten: Die Zeltwände dürfen auf keinen Fall so abgespannt werden, dass sie ganz straff sind. Der Stoff muss leicht durchhängen und darf nicht unter Spannung stehen. Das hängt damit zusammen, dass sich der Stoff durch das Quellen stark ausdehnt. Wenn die Wände bereits straff gespannt sind werden so früher oder später die Nähte aufreissen. Deswegen schön locker abspannen. (siehe Beispielbild)

Ein weiterer Vorteil ist, dass die Zelte bei Nässe nicht schrumpfen. Baumwollzelte ziehen sich stark zusammen und es entsteht unten eine Lücke zum Boden. Dadurch werden auch häufig Plastikfolien in den Zelten verwendet, die dann verhindern sollen, dass das Zelt mit Wasser vollläuft. Dies kann bei einem Leinenzelt nicht passieren, da es nicht schrumpft. Man sollte allerdings darauf achten, dass man eine sogenannte Schmutzkante bzw. Faulstreifen am Zelt anbringt. Diese verhindern das Eindringen von Wasser zusätzlich.

Man sollte außerdem vermeiden gegen die nasse Zeltplane zu stoßen, dies führt nämlich dazu, dass die Fasern an der betreffenden Stelle aufgedrückt werden und Wasser eindringen kann. Wenn man den Stoff aber nur vorsichtig berührt (zum Beispiel beim Öffnen des Zelteingangs) wird kein Wasser hindurch gelangen.

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Kegelzelt aus Leinen.

Man muss Leinenzelte imprägnieren, damit sie dicht sind

Da wir ja oben bereits beschrieben haben, warum Leinen von Natur aus dicht ist, ist es nicht notwendig diese zusätzlich zu imprägnieren. Im Gegenteil, im schlimmsten Fall behindert die Imprägnierung die Quelleigenschaft des Leinens und dann wird es doch wasserdurchlässig.

Leinen schimmelt schnell

Schimmeln Eure Leinenunterkleider wenn ihr sie mal eine Stunde in der Waschmaschine liegen lasst? Wahrscheinlich nicht. Ja Leinen kann schimmeln, wenn man es nass einpackt und nicht trocknen lässt. Allerdings nicht in wenigen Stunden. Hier gilt dasselbe wie bei Baumwollzelten: Wenn man die Zelte nass abbauen muss, sollte man sie direkt nach dem Transport wieder aufbauen und ordentlich durchtrocknen lassen.

Der Nachteil hierbei: Leinen wird unglaublich schwer, wenn es nass ist.

Der Vorteil: Leinen trocknet viel schneller als Baumwolle.

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Leinenzelte sind teuer

Ja Leinenzelte sind in der Regel 100-200 Euro teurer als die Baumwollvariante. Leinenkleider sind ja auch teurer als Baumwollkleider. Und Wollkleider sind in der Regel teurer als Leinenkleider. Das liegt einfach am Preis des Rohmaterials. Dafür ist das Material eben hochwertiger, und das Wichtigste: Historisch korrekt.

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Aber Baumwolle wäre ja auch denkbar als Zeltstoff gewesen

Nein, der einzige denkbare Stoff, der für hoch- und spätmittelalterliche Zelte in Frage kommt ist Leinen. Es gab zu dieser Zeit vier mögliche Stoffarten: Wolle, Leinen, Seide und Barchent.

Das Wolle und Seide ausfallen brauchen wir glaube ich nicht zu erklären. Barchent ist ein Mischgewebe aus Baumwolle und Leinen. Dieses ist aber auch nicht denkbar, denn 1. war es sehr, sehr teuer und selten und 2. hat Baumwolle nicht dieselben Quelleigenschaften wie Leinen. Das Zelt würde also undicht werden. Dies ist auch der Grund, warum moderne Baumwollzelte in der Regel imprägniert werden.

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Und wo habt ihr Eure Zelte gekauft?

Unsere Zelte sind von Sew Mill. Als weitere empfehlenswerte Anbieter für Leinenzelte können wir Euch Tentorium und Matuls empfehlen.

Welche Zelttypen sind denn „a“ (belegbar)?

Abbildungen von Zelten findet ihr hier und hier.

Bildnachweis: Chanson d’Aspremont, Folio 10v, ca 1230-1240

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