Von Bürgern die Auszogen um Bauern zu werden

Ackerbürger in der mittelalterlichen Stadt

Die mittelalterliche Gesellschaft war klar gegliedert; die Bauern lebten auf dem Land und versorgten die Bevölkerung mit Nahrung, die Stadtbewohner waren Handwerker und Kaufleute und trieben Handel mit allen möglichen Produkten und Gütern.

In den Städten kamen ab dem 13. Jahrhundert vermehrt die Zünfte auf; hier wurde in der Metallverarbeitung, der Textilherstellung oder dem Bauhandwerk und vielen weiteren Berufsgruppen gearbeitet. Ebenso zu nennen sind hier Händler, Knechte, Schreiber, Gelehrte oder Verwaltungskräfte. Aber Bauern? – Die passen nicht in das oft vermittelte Bild der Stadtbevölkerung. Bauern kamen von außerhalb, eben „vom Land“ in die Stadt, um ihre Nahrungsmittel auf den Märkten anzubieten und sich somit einen Gewinn zu erwirtschaften. Aber war es wirklich immer so?

Zunächst sollte vorangestellt werden, dass das beschriebene Bild natürlich nicht vollkommen der aktuellen Forschung widerspricht. Sicherlich bestand der Hauptteil der Stadtbevölkerung nicht aus Bauern und tatsächlich war den Bauern des Umlandes der Verkauf ihrer Waren auf den Märkten der Stadt eine bedeutende und häufig genutzte Einnahmequelle. Die Bürger der Stadt waren ja auf die Produktionsgüter der Landwirtschaft angewiesen, da sie weder über große Anbau- noch über Weideflächen innerhalb der Stadtmauern verfügten. Ebenso ergaben sich aufgrund der klimatischen Bedingungen (mittelalterliche Warmzeit) und technischen Neuerungen (Dreifelderwirtschaft, Pflugverbesserungen, Wassermühlen etc.) ideale Bedingungen für den Anbau und somit für eine enorme Steigerung der Ertragsmengen bis hin in das 14. Jahrhundert hinein. Dies führte zu einem deutlichen Bevölkerungswachstum, dieses wieder zu einer größeren Nachfrage an Nahrungsgütern und somit landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. In der Tat war das Bevölkerungswachstum so groß, dass es bei einem linear konstanten Anstieg bis zur heutigen Zeit zu einer europäischen Bevölkerung von deutlich mehr als einer Milliarde Menschen geführt hätte. Somit waren Bauern als Produzenten der Nahrungsmittel auf dem Land von enormer Bedeutung und auch eine der Triebkräfte für den gesellschaftlichen Entwicklungsprozess im Laufe vom Früh- und Hochmittelalter.


 

Bürgerrecht und Bauernarbeit

Dieser Beitrag soll jedoch eine besondere Gruppe der mittelalterlichen Bevölkerung beschreiben, die in der Tat Bauer waren, aber dennoch in der Stadt lebten, in ihre Verwaltungs- und Wirtschaftsprozesse eingebunden waren und sogar das Bürgerrecht besaßen. Diese Bürger wurden treffend „Ackerbürger“ genannt, und betrieben als Haupterwerb Arbeit in der Landwirtschaft. Sie sind klar von den anderen Stadtbürgern zu unterscheiden, die ihren Haupterwerb im Handwerk führten und nur zur Selbstversorgung kleinere Gärten oder Parzellen innerhalb der Stadtmauern nutzten. Vielmehr war es für die Ackerbürger entscheidend, dass sie ihren Haupterwerb aus der Landwirtschaft zogen, indem sie Äcker und/oder Weideflächen für Nutzvieh in der städtischen Feldmark bearbeiteten und die Erzeugnisse in der Stadt verkauften. Hierbei wurde insbesondere auf die Eigenversorgung der Städte und ihrer Bewohner abgezielt und nicht auf weiträumigen Export von Nahrungsmitteln. Arbeit und Erwerb in diesem Wirtschaftszweig spielten also eine wichtige Rolle für das städtische Leben.

Aufgrund ihres Erwerbs besaßen die Ackerbürger – oder auch Stadtbauern – Häuser innerhalb der Stadtmauern, die über genügend Raum für die Lagerung und Verarbeitung der Erzeugnisse vor dem Verkauf verfügten und sind häufig als Fachwerkhäuser mit Scheunen und Ställen beschrieben, die nahe der Stadttore erbaut waren, um durch die Einfuhr der Nahrungsgüter nicht den Verkehr auf den Stadtwegen und Straßen zu beeinträchtigen. Dennoch waren diese Hausformen nicht typisch und es ist in der Forschung mittlerweile belegt, dass sich die Bauform der Ackerbürgerhäuser den Gegebenheiten von kleiner werdendem Bauraum in den Städten anpassten und somit zunehmend näher an den anderen Stadthäusern errichtet wurden. Der Lagerungsbedarf wurde schließlich durch den Bau mehrerer Stockwerke befriedigt. Ebenso ist belegt, dass auch Kaufleute zusätzlich Landwirtschaft als zweites Berufsfeld ausübten und somit ebenfalls Häuser der beschriebenen Bauweise bewohnten, da sie zusätzlich zu den landwirtschaftlichen Erzeugnissen auch ihre anderen Waren lagern mussten. Es gibt also dem Aussehen nach kein typisches Ackerbürgerhaus, auch wenn viele alte Fachwerkbauten auch heute noch in alten Stadtteilen deutscher Städte mit der Bezeichnung „Ackerbürgerhaus“ zu finden sind.


Rechte & Pflichten der Ackerbürger

Die Ackerbürger stellten, wie bereits beschrieben, eine Sondergruppe der mittelalterlichen Stadtbevölkerung dar. Bemerkenswert ist, dass sie in ihrem Erwerbszweig in Vereinigungen organisiert waren und häufig die bäuerlichen Rechtsstreitigkeiten, wie beispielsweise die Beschädigung des Acker-oder Weidelandes (Feldfrevel), nicht nur in den Stadtgerichten sondern zunehmend in eigenen Zusammenkünften, den sogenannten „Bauerbänken“, „Geburschaften“ oder auch „Buirgedinge“ regelten, die vom Stadtrat eingerichtet wurden. Zudem waren Ackerbürger in die Verwaltung der mittelalterlichen Städte eingebunden, da sie die Instandhaltung der Stadtwege und Pflege sowie Ordnung des direkten städtischen Umlandes zur Aufgabe hatten. Die Stadträte wachten aufmerksam über die Einhaltung dieser Pflichten, die die Ackerbürger ihrer Bauernbank per Schwur zusicherten. Missachtung konnte Geldstrafen oder Ausschluss aus der Vereinigungen zur Folge haben. Den Vorsitz der Bauernbank oder Geburschaft führte der sogenannte „Gebuirmeister“, der für die Ausübung seiner Arbeit eng mit der Stadtverwaltung zusammenarbeitete und die Bauernbanktreffen im Gebuirhaus leitete.


Blick auf die Kölner Ackerbürger

Für die Stadt Köln ist die erste Bauernbank auf das Jahr 1240 zurückzuführen und wurde nach dem Standort des Gebuirhauses in der Weiherstraße benannt. Insbesondere Köln hält die Erinnerung an die Ackerbürger lebendig: im populären Kölner Karneval ist der Bauer eine feste Figur im Dreigestirn neben Prinz und Jungfrau. Er steht als Symbol für die Stadtbewahrung Kölns und erinnert an den Repräsentanten der Bauernbänke, der bei der Befreiung von Köln aus dem Einfluss der Erzbischöfe bei der Schlacht von Worringen im Jahr 1288 eine wichtige Rolle spielte. Aus diesem Grund  trägt der Bauer im Karneval symbolisch die Stadtschlüssel am Gürtel und führt zudem – seinem Erwerbszweig gemäß – den Dreschflegel (das mittelalterlich Werkzeug der Bauer zum Lösen der Getreidekörner aus den Ähren).

Eine strikte Trennung von Stadtbürgern und Bauern des Umlandes berücksichtigt somit nicht die Sondergruppe der Stadtbürger. Es waren eben nicht alle Stadtbürger Handwerker, Gelehrte, Studenten, Kleriker oder Kaufleute. In den Städten lebten tatsächlich auch Stadtbauern oder auch Ackerbürger, die eine wichtige Rolle in der Stadtverwaltung, der Versorgung der Stadtbevölkerung, der Pflege des Umlandes und der Stadtverteidigung spielten, das Bürgerrecht besaßen und bis in die heutige Zeit deutliche Spuren hinterlassen haben.

 

Literatur:

  • Werner Rösener: Bauern im Mittelalter (Büchergilde Gutenberg, 1985)
  • Otto Borst: Alltagsleben im Mittelalter (Insel Taschenbuch, 1983)
  • Ackerbürgertum und Stadtwirtschaft – 3. Internationales Heilbronner Symposium 2001
  • Claudia Strieter: Einführung in die frühe Neuzeit, Stadttypen (Universität Münster 2003)
  • Adam Wrede: Neuer kölnischer Sprachschatz (Greven Verlag, 1984)
  • Leonard Ennen, Gottfried Eckertz: Quellen zur Geschichte der Stadt Köln Band 1 (1954)
  • Sascha Sturm: Worringen 1288-Entscheidung im sechs Jahre schwelenden Konflikt des Limburger Erbfolgestreits (2006)
  • Siegfried Epperlein: Bäuerliches Leben im Mittelalter (Böhlau, 2003)
  • Bernd Fuhrmann: Die Stadt im Mittelalter (Theiss, Konrad, 2006)

 

 

– Jens

 

 

 

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