Fertig ist die Lauge – Wäsche waschen wie im Mittelalter

Über das Waschen mit Aschenlauge

Vor kurzem bot sich uns auf dem Epochenfest in Jülich die Möglichkeit, wieder einmal etwas neues auszuprobieren – Wäsche waschen. Natürlich nicht mit Rei oder in der Waschmaschine, sondern mit mittelalterlichen Methoden. Da wir im Mittelalterhaus Nienover Unmengen an Buchenholzasche produziert hatten, nahmen wir uns etwas von der übrig geblieben Asche mit, um sie zu einem späteren Zeitpunkt für genau diesen Zweck zu verwenden.

In unserem Blogpost erfahrt ihr mehr über die Hintergründe und den Praxisversuch.

Geschichte des Waschens und der Seife

Die Reinigung von Kleidung ist ein uraltes Bedürfnis der Menschen und hat sich im Laufe von Jahrtausenden immer weiterentwickelt, um ein möglichst gutes Reinigungsresultat zu erzielen.

Wahrscheinlich kam die Kunst der Seifenproduktion über Nordafrika mit den Phöniziern und Karthagern in den europäischen Mittelmeerraum. Plinius beschreibt, dass die Gallier Seife aus Ziegen- bzw. Schaffett und Buchenasche zubereiteten. Allerdings benutzten  die Gallier Seife eher als kosmetisches Mittel zur Haarverschönerung. Zu Reinigungszwecken wurde Seife in Gallien erst in spät- bzw. nachrömischer Zeitverwendet.

Vermutlich erhielt die Seifensiederei in Südfrankreich einen Aufschwung durch die häufig einfallenden sarazenischen bzw. maurischen Piraten, die zeitweise hier siedelten. Etwa seit dieser Zeit (2./3. Jahrhundert n. Chr.), spätestens aber seit der Invasion der Mauren in Spanien und teilweise in Südfrankreich (7. Jahrhundert) wurde die Seife optimiert, indem statt tierischem Fett Olivenöl verwendet wurde. Die nach  „industrielle“ Seifenproduktion begann unter Karl dem Großen, der im „Capitulare de villis vel curtis imperii“ verlangte, dass auf jedem der Meierhöfe ein Seifensieder angestellt ist (Kapitularien sind, wie der Name sagt, in Kapitel gegliederte Erlasse und Verordnungen von gesetzgeberischem, administrativem oder religiösem Charakter).

Epochenfest201710

Dass das Waschen im Mittelalter eine regelmäßige Pflicht in der Hausarbeit war (man lief auch damals nicht einfach in schmutzigen Kleidern herum, wenn man nicht die Achtung der Mitmenschen verlieren wollte) ist ebenfalls überliefert. Beispielsweise berichtet das mittelhochdeutsche Nibelungenlied (Nibelungensage, um 1200 n.Chr.) davon, dass Gudrun in der Geschichte von Königin Gerlind gezwungen wurde, nicht nur die Leibwäsche des gesamten Hofes, sondern auch die „Grobwäsche“ zu waschen. Dazu musste sie Sommer wie Winter täglich an den Strand. Da jedoch sauberes und fließendes Wassers nicht überall verfügbar war, stellte dies wohl ein größeres Hindernis für die Wäsche im Mittelalter dar. Dies zeigt sich, dass insbesondere in Klöstern die Wäschereinigung ein regelmäßiger und organisierter Vorgang war. Mit der Verstädterung und Errichtung von Waschhäusern etablierte sich nach und nach auch der Beruf der Waschfrauen im 14. Jahrhundert.

Chemische Prozesse

Wichtigstes Verfahren ist dabei seit eh und je die Behandlung der Wäsche mit Wasser und einer mechanischen Einwirkung auf das Waschgut (Walken, Einreiben etc.). Zusätzlich erkannte man aber auch schon frühzeitig, dass, dass dem Wasser durch bestimmte Zusätze eine höhere Waschkraft gegeben werden kann. Hierbei ist insbesondere die Pottasche zu nennen.

Bei der Verbrennung von Holz, welches hauptsächlich aus organischen Polymeren wie Zellulose, Hemicellulosen und Lignin beststeht, entsteht durch Thermolyse und Oxidation Asche, welche zahlreiche Salze wie Phosphate, Sulfate, Chloride, Silicate und vor allem Kaliumcarbonat mit bis zu 24 Prozent Anteil enthält. Insbesondere das Kaliumcarbonat ist für den Reinigungsprozess entscheidend und ist zu hohem Anteil in Buchenholzasche enthalten. Kaliumcarbonat setzt sich in wässriger Lösung, also wenn die Asche mit Wasser in Berührung steht, in Kaliumhydrogencarbonat und Kaliumhydroxid um.

Epochenfest201709

Sind diese beiden Stoffe im Wasser gelöst liegt eine sogenannte alkalische Lösung oder auch Kalilauge vor. Diese Lösung besitzt stark basische und ätzende Eigenschaften. Lösungen werden als alkalisch bezeichnet, wenn die Konzentration der Hydroxid-Ionen OH􀐾 die der Oxonium-Ionen H3Oübersteigt. Der pH-Wert ist dann größer als 7. Stark alkalische wässrige Lösungen haben einen pHWert größer als 10, zum Beispiel hat eine normale Alkalilauge einen pH-Wert von 13.

Diese ätzenden Eigenschaften der Lauge machen sie sehr geeignet für den Waschprozess, da diese Lösung die Fasern der Kleidung und Stoffe zum Quellen bringt und die Fette (hauptsächlicher Bestandteil von Verschmutzungen) zersetzt. Dies geschieht durch einen chemischen Prozess der Hydrolyse genannt wird. Dies bedeutet, dass Bindungen zwischen den Molekülen der Fette (Esterbindungen) durch die Oxonium Ionen angegriffen und gespalten werden und somit das Fett chemisch „auseinanderfällt“. Dieser Prozess wird auch treffend als „Verseifung“ bezeichnet.

Chemische Erklärung für Dummies

Einfacher gesagt wird also der in den Fasern haftende Schmutz durch das Aufquellen der Fasern in der alkalischen Lösung gelockert und folgend durch die basischen Eigenschaften der Lauge zersetzt.

Des Weiteren unterstützen die nicht wasserlöslichen Substanzen der Asche mechanisch beim Waschprozess mit und wirken wie ein Scheuermittel. Da Lauge auf Leinen aber auch bleichende Wirkung hat und das Gewebe angreift, ist die Einwirkungszeit der Lauge auf das Waschgut entscheidend.

Vorgehen beim Reinigungsprozess

Herstellung der Waschlauge

Da uns keine Quelle aus dem 13. Jahrhundert (oder zumindest einem anderen Jahrhundert des Mittelalters) vorliegt, haben wir vorab ein wenig im Internet recherchiert, wie die richtige Rezeptur für so eine Waschlauge aussehen sollte. Da wir dort aber keine zufrieden stellende Anleitung gefunden haben, haben wir uns entschieden, es einfach auszuprobieren.

Da man die Asche nicht einfach so ins Wasser geben sollte, weil sie sich dann beim Waschen in der Kleidung festsetzt, haben wir sie in kleine Leinensäckchen gefüllt, die wir dann in einen Waschzuber gegeben haben. Darauf haben wir warmes Wasser gegossen und die Säckchen etwas einweichen lassen. Nach kurzer Zeit bildete sich ein seifenartiger Film auf dem Wasser. Wenn man das Wasser mit den Händen „aufschlug“ bildeten sich kleine Bläschen wie beim normalen Waschen mit Seife.

Allerdings hätten wir die Asche vorher sieben sollen um die Kohle zu entfernen. Da wir das nicht taten, wurde das Wasser gräulich und die Besucher haben sich gewundert, dass man mit so dreckigen Wasser tatsächlich weiße Wäsche waschen kann. Deswegen werden wir das das nächste Mal so machen.

Das Waschen der Wäsche

Schließlich haben wir unsere Tischdecke und einige unserer Leinentücher, die wir zum Geschirr abtrocknen bzw. als Kochschürze verwenden gewaschen. Die Tischdecke hatte einige Traubensaftflecken abbekommen und die Tücher waren einfach generell mit Ruß und anderem Dreck verschmutzt.

Wir haben also den Stoff in die Waschlauge getaucht und dann kräftig gewalkt, sodass Schaum entstand. Die Stellen mit den Flecken haben wir zusätzlich aneinander gerieben, um den Schmutz zu lösen. Eine historische Methode wäre es hierbei, ein Wäschebleuel zu benutzen, so eines haben wir allerdings noch nicht. Deswegen haben wir es mit den Händen gemacht.

Nach dem ersten Waschgang haben wir die Wäsche nochmal etwas einweichen lassen, um sie dann erneut zu walken. Da wir ungefärbtes Leinen gewaschen haben war dies auch kein Problem, die Lauge hat nämlich bleichende Eigenschaften, welche den Stoff zusätzlich zum reinigen auch aufhellen.

Nach dem Waschen haben wir die Stoffe noch in klarem Wasser gespült (da kein Fluss vor Ort war, den man auf Abbildungen häufig beim Wäschewaschen sieht, haben wir das Wasser im Waschzuber gegen frisches ausgetauscht), ausgewrungen und zum Trocknen auf dem Rasen ausgebreitet.

Das Ergebnis

Bis auf wenige sehr dunkle Flecken ist das Leinen wieder strahlend sauber geworden. Vermutlich hätten wir noch mehr Asche für die Lauge verwenden sollen. Da die Lauge aber in zu hoher Konzentration ätzend sein kann, wollten wir sie nicht zu stark machen, um unsere Hände zu schonen. Die starke Reinigungskraft der Lauge haben wir übrigens auch auf unserer Haut bemerkt. Ähnlich wie bei Kernseife wurde sie sehr trocken und spröde nach dem Waschen und musste durch eincremen erst wieder gepflegt werden.

Exkurs

Im Mittelmeerraum wurde vielfach zur effektiveren Reinigung der Wäsche die Asche salzliebender Strandpflanzen genutzt. Von besonderem Interesse war Salicornia ssp und Salsola kali, das Kalisalzkraut. Die Asche dieser Pflanze ist – wie schon aus dem Namen hervorgeht- sehr kaliumreich und bildet somit ohne weitere Zusätze eine sehr wirksame alkalische Waschlauge. Da die Strandpflanzenasche allerdings nur in unmittelbarer Meeresnähe angewendet werden konnte, setzte sich ihre Verwendung auch in der Provence nicht durch.

Eine weitere Verbesserung war die Verwendung des schäumenden Wurzelaufgusses von Saponaria officinalis. Außer der reinigenden Alkaliwirkung hatte der Aufguss aufgrund der Schaumbildung eine ähnliche Wirkung wie die modernen Tenside in Waschmitteln (Herabsetzung der Oberflächenspannung des Wassers und Umhüllung der abgelösten Schmutzpartikel mit Schaum zur Entfernung vom Gewebe). Das Saponaria officinalis (zu Deutsch Seifenkraut) wurde auch bereits im Mittelalter in Deutschland kultiviert. (Danke an Sabine Ernst für die zusätzliche Info!)

Literatur

  • Hermann Reichert: Das Nibelungenlied. Nach der St. Galler Handschrift. De Gruyter, Berlin 2005.
  • Henkel Adhesive Technologies (http://www.henkeladhesives.de/de/content_data/204906_Waschmittel_ab_Mittelalter.pdf)
  • Charles E. Mortimer, Chemie. Das Basiswissen der Chemie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 2001.
  • Jeffrey L. Forgeng,Jeffrey L. Singma, Daily Life in Medieval Europe, Greenwood Press, London, 1999
  • Pamela A Sambrook, The Country House Servant, History Press, Sutton, 2013

3 Gedanken zu “Fertig ist die Lauge – Wäsche waschen wie im Mittelalter

  1. Sabine Ernst schreibt:

    Sehr schöner, ausgezeichnet recherchierter Artikel! Eine kleine Anmerkung dazu: Das Saponaria officinalis, zu deutsch Seifenkraut, wurde auch in Deutschland kultiviert. Wir haben es im Geschichtspark gepflanzt, um damit zu experimentieren – dazu muss es sich nur erst etwas vermehren. 🙂

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  2. Birgit Diehl schreibt:

    Wir haben in Lauresham(Lorsch) auch schon mit Seifenkraut experimentiert: kleine Stücke in Beutelchen in kaltem Wasser eingeweicht und dann Wolle drin gewaschen. Der Dreck ging sofort raus. Noch ein Zeichen dass da Saponine drin sind: die Mitarbeiterin die das gemacht hat hat eine Allergie gegen Seife und nach dem Tag hatte sie Allergieanzeichen an den Fingern die eine ganze Woche nicht abgeklungen sind

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