#gettoknowus – Von Einhörnern, Trinkhörnern und Tintenhörnern

Im Rahmen unserer #gettoknowus-Reihe möchte ich diesen persönlichen Beitrag mit euch teilen, um zu erläutern was mich anfangs zum Thema Fantasy und Mittelalter und letztendlich zu meiner jetzigen Darstellung hinführte und inspiriert.

Von Einhörnen

Die anfängliche Faszination und Begeisterung für die Welt des Mittelalters wurzelt bereits in meiner Kindheit. Da jeder in meiner Familie eine große Leidenschaft für das Lesen und Bücher generell teilt, hatte auch ich meine ersten Berührungen mit der Welt des Mittelalters in Form von Literatur. Anfänglich durch Kinder- und Jugendbücher, später durch Romane der Erwachsenenliteratur. Vornehmlich bestand diese Welt der Bücher aus tapferen Rittern, abenteuerlichen Reisegeschichten, zahlreichen phantastischen Gestalten, Märchen, Sagen und Fiktion.

Ich liebte diese Welt, die von tapferen Helden berichtete, die sich düsteren Gesellen und schrecklichen Drachen entgegenstellten, um das Herz einer schönen Frau zu erobern. Die Beschreibung fantastischer Landschaften mit stolzen Burgen, düsteren Wäldern und friedlichen Landflüssen, Geschichten von Zauberei und bunten Gestalten nahmen mich ganz in ihren Bann. In jedem Familienurlaub hielt ich nach Burgen Ausschau und bei jedem Waldspaziergang stellte ich mir vor, dass hinter dem nächsten Baum phantastische Märchengestalten auf mich warten würden. Natürlich wünschte ich mir bei den zahlreichen Wanderurlauben einen Spazierstock als Geburtstagsgeschenk, den ich jedoch weniger im gedachten Sinne benutzte, sondern vielmehr als fiktives Schwert umherschwang und mich ganz wie einer jener stolzen Ritter fühlte. Zu den Büchern, deren Zahl in meinem Kinderzimmer stetig wuchs und die sich nach und nach auch um Hobbits, Orks und Nachtalben drehten, gesellte sich zusätzlich die Welt der Filme. Von Robin Hood bis Kings Landing, von Gandalf bis zu Camelot, von Höhlentrollen bis hin zu Einhörnern erstreckte sich diese wunderbare Fantasiewelt. Sie wuchs mit mir heran und machte mir viel Freude.

Von Trinkhörnern

Je älter ich wurde, desto mehr kam mir zu Bewusstsein, dass die Märchen- und Fantasywelt in meinen Büchern natürlich reine Fiktion war. Die Schule und mein Umfeld veränderten meinen Blick auf die Welt der Ritter und Burgen grundsätzlich. Diese als eine geschichtliche Epoche zu begreifen, die ihre besondere Kultur, Entwicklung und Schlüsselereignisse hatte und zu begreifen, dass es keine Einhörner und Sagengestalten gab, gehört natürlich zum Erwachsenwerden dazu.

Dennoch gelang es meinen Lehrern meist nicht, mehr als schlecht oder leidenschaftslos die Epoche des Mittelalters zu beschreiben. Obwohl meine Hauptinteressen sich in Richtung der Naturwissenschaften und Geschichtswissenschaft entwickelten, verlor das Mittelalter für mich an Bedeutung und mein Interesse an der Epoche verblasste zunehmend. Ich konzentrierte mich auf andere Themengebiete.

Als Teenager besuchte ich dann zum ersten Mal einen Mittelaltermarkt. Die Atmosphäre von Gauklern, sogenannten Rittern, Met trinkenden Gesellen in Tavernen und allerlei bunten Gestalten, Rüstungen und Schwertern weckte in mir die kindliche Begeisterung wieder. Ich war reichlich verwundert darüber, dass ich meiner Faszination für das Mittelalter nicht weiter nachgegangen war. Alsbald wurde ich dann häufiger Gast einer Mittelaltermarktgruppe und fühlte mich sehr wohl dabei, an dem Treiben teilzunehmen. Nicht selten saß ich feucht fröhlich mit Trinkhorn in der Hand und singend in einem Lager und war mittendrin in einer bunten Runde. Nach und nach aber entstand bei mir das Interesse, die Epoche des Mittelalters weiter zu erforschen. War das fröhliche Lagerleben, die Feldbäckerei, Feldschlacht und die lärmenden Trinkgesellen wirklich ein Teil und Bild des Mittelalters? Trug man diese Art der Kleidung wirklich damals? Trank man aus Trinkhörnern? Was war dran an den Geschichten darüber, dass die Leute kleiner waren als heute, Krankheiten und Gewalt oft den Alltag bestimmten? Oder war das genauso falsch wie meine kindliche Vorstellung des Einhorns, dass hinter der nächsten Baumgruppe auf meine Entdeckung wartete?

Von Tintenhörnern

Meine Einstellung zum Thema Mittelalter veränderte sich zunehmend. Wie auch in der Schule und im späteren Studium lag mein Interesse auf den Wissenschaften, ihren Methoden und ihrer Logik. Ich begann mehr und mehr zu begreifen, dass ich die Epoche des Mittelalters wissenschaftlich ergründen wollte. Sachbücher und Gespräche mit Darstellern, die ein realitätsnäheres Bild der Epoche zu vermitteln suchten, halfen mir enorm dabei. Mehr und mehr wuchs mein Interesse und mein Wissensschatz über diese Zeit. Je mehr ich las und mich informierte desto deutlicher wurden die faszinierenden Ausmaße, die diese Epoche gezeichnet hatten und wie falsch das Bild war, dass die meisten Mittelaltermärkte vermittelten. Meine Leidenschaft war geweckt.

Insbesondere faszinierte mich die Welt der Bücher und Dokumente dieser Epoche – wer hätte das gedacht? Die kunstvollen Miniaturenmalereien und Illuminationen dieser Zeit schlugen mich ganz in ihren Bann. Das gesammelte und wachsende Wissen einer ganzen Epoche als auch ihre Sagengestalten und Fantasien ruhte in Form von Rotuli, Codexen und Urkunden, Abbildungen, Texten und Siegeln. Nach und nach wollte ich mein Interesse an dieser Welt nun mit einer Living History Darstellung verbinden um auch andere dafür zu begeistern, kein falsches Bild zu vermitteln und selber noch tiefer einzutauchen und mein Wissen über das Mittelalter zu erweitern.

Deshalb baue ich nun nach und nach ein Skriptorium auf und nutze Material und Werkzeug damaliger Schreiber und Mönche. Schreibpult, Tinten, Pigmente, Wachstafeln und Pergament, Schreibkiele, Sachbücher und Vorlagen mehren sich in meinen Regalen und es macht einfach nur sehr, sehr großen Spaß. Ganz wichtig ist natürlich auch die Hilfestellung anderer Darsteller und ein Informationsaustausch mit Ihnen, um meine Darstellung zu festigen und auszubauen. Dies alles bestärkt mich zunehmend und ich hoffe in einiger Zeit die fantastische Welt des Mittelalters und seines Kulturschatzes in Form von meinen Schreibarbeiten und Illuminationen selber widerzugeben. Es freut mich immer sehr, auch andere daran teilhaben zu lassen.

Zum Schluss möchte ich noch anmerken, dass mir meine Darstellung und mein wissenschaftlicher Anspruch nie den Spaß an den Fantasywelten der Bücher und Filme genommen hat und ich sie nach wie vor gerne besuche. Schließlich fängt die ganze Geschichte meiner Darstellung und mein Interesse für die Epoche mit dieser Welt an.

Und ganz sicher birgt auch mancher fiktive Roman nicht nur eine gute Geschichte, sondern auch wertvolle Reflektionen dieser Epoche, die auf gründlicher Recherche fußen und auch meine Darstellung eines Schreibers besonders berühren. Wie beginnt noch einmal Umberto Ecos wunderbarer Roman „Der Name der Rose“? Er beginnt mit den Worten: „..natürlich eine alte Handschrift..“  – na wenn das nicht Alles sagt!

 

– Jens

 

 

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